matthias franke
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Der Westentaschen-Casanova

Charles Lewinsky serviert Weisheiten des Giacomo Girolamo Casanova

Goldener Einband, große Worte, kleines Format. So paßt "Was ist die Liebe? An- und Einsichten des Giacomo Casanova" zu den Accessoires und in die Westentasche eines Lebemannes. Doch irrt der Leser, glaubt er, "[a]lles über das Leben und die Liebe, über das Glück und über Arznei, über Essen, Sklaverei und Kunst" so gut wie seine Westentasche kennenlernen zu können. Willkürlich versammelt Lewinsky in seinem Büchlein kurze Textfetzen aus Casanovas "Histoire de Ma Vie" und präsentiert sie wie Aphorismen. Doch Casanovas "Einsichten" bleiben bloße Binsenweisheiten, wenn sie aus ihrem Zusammenhang gerissen werden: "Zum Liebesakt gehört notwendigerweise die Illusion." Und die "Ansichten" Casanovas scheinen nichts als dumme Vorurteile zu sein, selbst wenn man sie als Ausdruck eines verflossenen Zeitgeistes versteht: "In Polen sind die Frauen im Allgemeinen häßlich." Zwischen Vorurteilen und Binsenweisheiten bleibt schließlich auch von Casanovas Humor nur Geschmackloses übrig: "Ich habe nie verstanden, wie ein Vater seine reizende Tochter zärtlich lieben kann, ohne auch nur ein einziges Mal mit ihr geschlafen zu haben."

Das Verfahren, beispielsweise unter der Überschrift "Eine Frau ist wie ein Buch", lediglich Zitate aufzureihen, die das Wort "Frau" enthalten, setzt sie noch lange nicht in eine sinnvolle Beziehung zueinander. So leistet Lewinskys Büchlein nicht mehr als eine Volltextsuche in digitalisierten Schriften Casanovas. Die editorischen Bemühungen des Verlages werden lediglich dem Buchmarkt gerecht, nicht aber Casanova, dem Philosophen und Frauenhelden.

Casanova: Was ist die Liebe? An- und Einsichten des Giacomo Casanova, Chevalier de Seingalt.
Ausgewählt und ins Deutsche gebracht von Charles Lewinsky.
Haffmans Verlag, Zürich 1999.
104 Seiten, 18 DM.
ISBN 3-251-00451-4