matthias franke
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WWW Wohin?

Politiker beklagen die Rückschrittlichkeit des deutschen E-Commerce, fordern Ausbildungsoffensiven am Computer oder debattieren über Computerspezialisten als Gastarbeiter. Wie begründet ist das Internet-Fieber der Wirtschaftsstrategen?

Der Marburger Wirtschaftsinformatiker Prof. Paul Alpar untersucht das Wirtschaftsleben im Internet. Seine Forschungsgebiete sind die kommerzielle Nutzung des Internets, die quantitative Bewertung des Einsatzes von Informationstechnologie und "Data Mining", also das Herauslesen von Strukturen großen Datenbeständen. Seit 1993 ist Alpar Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik/Quantitative Methoden an der Marburger Philipps-Universität.

Einer der Gründe für die heutige Unterentwicklung der WWW-Präsenz deutscher Unternehmen ist laut Alpar die anfängliche Skepsis der Wirtschaft gegenüber dem neuen Medium. Nach einer Studie Alpars wurden Internetaktivitäten zunächst vor allem gestartet, um Wettbewerbsnachteile gegenüber der Konkurrenz zu vermeiden. Man unterschätzte die Chance, tatsächlich neue Vertriebskanäle zu öffnen. Dieser defensive Umgang mit der neuen Technik äußerte sich selbst bei einigen Studenten Alpars, die nicht an eine weitere technischen Entwicklung, sondern eher an den Zusammenbruches des Computernetzes glaubten.

Doch das Internet hat sich auch in Deutschland anders entwickelt. Nicht mehr nur gutverdienende Männer unter 30 nutzen es; der Frauenanteil wächst, die Alters- und Einkommensgrenzen schwinden langsam. Besonders die einfachen, klar zu definierenden Produkte können bereits im Internet gehandelt werden: Für den Verkauf von Büchern ist oft keine eingehende Beratung notwendig; der Kunde weiß oftmals genau, was er kaufen möchte und was er von dem Produkt zu erwarten hat!

Bereits 1996 fand Alpar heraus, dass spezifische Inhalte von WWW-Seiten besser ankommen als allgemeine. Umfassende Informationsangebote wie das des Magazins "Focus" sind zwar stark frequentiert, doch wegen des größeren Aufwands sind weniger ökonomisch als ganz spezifische, die beispielsweise ausschließlich Wirtschaftsmeldungen beinhalten. Bis heute werden Internet-Aktivitäten fehlerhaft konzipiert und bieten umfassende aber oberflächliche Information. Wenig Erfolg haben Projekte von Gemeinden, beispielsweise unter www.marburg.de Einzelhändler verschiedenster Branchen zu vereinen. "Auf einer ‚Marburg-Page‘ suchen weniger Internet-Nutzer nach einem ortsansässigen Zahnarzt! Die Kunden tun dies eher auf einer WWW-Präsenz, die sich mit Zahnmedizin beschäftigt." meint Alpar.

Professor Paul Alpar (45) wurde in Belgrad geboren, wuchs seit seinem zwölften Lebensjahr in Frankfurt am Main auf. Von 1986 bis 1992 qualifizierte er sich in den USA als Assistant Professor, die meiste Zeit an der Universtity of Illinois. Bei der Debatte um die Ausbildungssituation für die IT-Branchen zieht Alpar den Vergleich zur USA anders als gewöhnlich: "Letzlich gibt es beispielsweise in den USA ähnliche Probleme wie hierzulande. Junge Leute, die aus Schichten mit gesicherter gesellschaftlicher Position stammen, entscheiden sich seltener für Studienfächer die gemeinhin als schwer gelten, wie etwa Informatik. Dagegen versuchen gerade diejenigen, die Randgruppen wie asiatischen Einwanderern angehören, gesellschaftlichen Status und beruflichen Erfolg durch besondere Leistungen auf diesem Gebiet zu erreichen." Die Führungsrolle der USA im Bereich der Computer- und Internettechnik verdankt sich zu großen Teilen den Leistungen von Späteinwanderern. Die Dynamik und Innovationen in der IT-Branche entsteht dadurch, dass sich Einsiedler durch besondere Leistungen ihren Status in einer multikulturellen Gesellschaft erarbeiten. Computerfachleute werden mit ihren Familien nach wie vor eher in Länder abwandern, die englischsprachig sind, in denen bereits Menschen verschiedenster Ethnien leben und in dem sie lebenslang - nicht nur fünf Jahre lang - willkommen sind.