matthias franke
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Rezension - Das Fahrrad im Dienste der Volksgesundheit

Ein Fahrradbuch offenbart Gedanken seiner Entstehungszeit!

"Philosophie des Fahrrads". So lautet der Titel des Buches, das der inzwischen vergessene Literat Eduard Bertz im Jahre 1900 veröffentlichte. 1997 wird dieses Werk eines "philosophierenden Schriftstellers", für den Bertz sich hielt, erneut von Wulfhard Stahl herausgegeben.

Obwohl die Ideen von Eduard Bertz nun also schon fast 100 Jahre alt sind, läßt der Klappentext weit mehr erwarten als ein bloßes Dokument der Zeitgeschichte: "Hätte der ... Sportsmann ... die Philosophie des Fahrrads gelesen! ... Er wüßte ... , wie man Körper und Geist ausgewogen trainieren ... kann." Zumindest ist es schneller erraten, daß wenigstens der Titel des Buches weitaus mehr verspricht, als der Autor zu leisten vermochte. So wundert es zunächst nicht, wenn Seite um Seite die zeitgenössischen Meinungen zum Fahrrad gegeneinander abgewogen werden, ohne daß so etwas wie eine Philosophie auftaucht. Der geneigte Leser schraubt also schnell seine Ansprüche herunter: Keine Philosophie, aber ein groß angelegtes Essay!

Oft zu thesenhaft beschreibt Bertz die positive Auswirkung des Fahrradfahrens auf die individuelle Mobilität und Gesundheit der Proletarier; Vorurteile von Teilen der zeitgenössischen Medizin gegen das Radfahren werden beiseite gefegt.

Es ist amüsant und aufschlußreich, zu lesen, welche Sorgen man sich zum Beispiel um mögliche Knochenschäden durch regelmäßiges Radfahren machte. Auch schmunzelt der Leser, wenn Bertz schon vor 100 Jahren behauptete, das schnelle Fahrrad sei das beste Mittel gegen die Naturentfremdung des modernen, gestreßten, hektischen und überarbeiteten Stadtmenschen im neuen, mechanischen Industriezeitalter.

Doch spätestens hierdurch wird klar, daß nicht nur der Titel des Buches zuviel versprach, sondern auch der Klappentext. Bertzs einziger Hinweis darauf, wie wir "Körper und Geist ausgewogen trainieren können, ist nämlich folgender: Maß halten und nicht den Mechanismen des kommerziellen Rennsports nacheifern! Diese Menschenschinderei treibe den Puls auf über 145 Schläge in der Minute, was Herzschäden verursache. Außerdem führe übertriebenes Radfahren ohne intellektuellen, musischen Ausgleich zur Verrohung.

Der Leser sieht also ein, daß er es weder mit Philosophie noch mit Reflexionen über das Training zu tun hat, die heute noch einen Gebrauchswert hätten. Das Fahrrad ist bei Bertz vielmehr das Vehikel, auf dem die kränkelnden Menschen der degenerierten Industriegesellschaft aus der entarteten Hochkultur zurück zu Natur und Gesundheit finden: Die natürliche "Zuchtwahl", die nach Darwin nur die starken Individuen überleben läßt, falle in der modernen Gesellschaft weg, so daß die Kranken überleben, sich vermehren und die Qualität der Rassen mindern. Wenn dieses weit verbreitete Denken eines falschen Darwinismus das Entstehen des Nationalsozialismus nicht sogar direkt bewirkte, so wurde es doch zumindest als zentrales Element in der NS-Ideologie aufgegriffen und diente als Begründung für sämtliche Massenmorde der Nazis.

Ein Genozid ist für Bertz jedoch noch ein ethisches Problem, an das er nicht rührt. Er reproduziert zwar zeitgenössische Vorurteile, spricht sich aber ausdrücklich gegen Rassenhaß aus. Sein Ziel ist es lediglich, durch das Fahrrad die Volksgesundheit und somit die "Veredelung der menschlichen Rasse" zu fördern, damit die "Kulturmenschheit" nicht vollends degeneriert.

Wertvoll ist der Text demnach lediglich als ein Dokument des zeitgenössischen Denkens. Doch möchte man die Kulturgeschichte mit Hilfe der "Philosophie des Fahrrads" näher betrachten, stößt man auf Probleme: Naturgemäß genügen Bertzs Kennzeichnungen der Zitate nicht mehr den heutigen Ansprüchen an wissenschaftliche Texte. Aber auch die spärliche Nachbearbeitung des Herausgebers erleichtert das Auffinden von Bertzs Quellen wenig.

Dabei spiegeln sich doch in diesem Text auf einzigartige Art und Weise die Beginne von gesellschaftlichen Veränderungen wieder. So auch wenn Bertz sich für eine erste kleine Emanzipation von Frauen durch die Mobilität und neue Kleidung auf dem Fahrrad ausspricht. Bertz meint, durch die Industrialisierung seien der Frau die Aufgaben abgenommen worden, die bei einer ursprünglichen Rollenteilung noch ihr eigen waren. Daher erziehe man die Mädchen nicht mehr zu Frauen, sondern nur noch zu Damen. Nach Bertz soll nun die Emanzipation die Frauen zu ihrer eigentlichen Bestimmung zurückführen - nämlich der Mutterschaft und damit dem Erhalt der Rasse.

Durch solche oder ähnliche Denkfiguren stellt Bertz jeden Aspekt des Fahrrads in den Dienst des sozial-darwinistischen Konkurrenzkampfes der Arten. Zum Beispiel lobt er den durch das Fahrrad ausgelösten Trend zu bequemerer Damenbekleidung und verdammt das Korsett. Doch tut er dies, um zu verhindern, daß die durch das Korsett bedingten Gesundheitsschäden weiterhin vererbt werden. So soll die "Qualität der Rasse" vor weiterer "Entartung" gerettet werden.

All diese Gedanken entwickelt Bertz in viel zu langatmigen, behäbigen Ausführungen. Lediglich die Sprache selbst bleibt verständlich und wenigstens die einzelnen Sätze sind kurz. Doch dabei verfährt Bertz inhaltlich so weitschweifig, daß sein Denken nur selten zu seinem eigentlichen Gegenstand - nämlich dem Fahrrad - zurückkehrt.

Eine diesbezügliche Bemerkung des Herausgebers, die Betulichkeit der Argumentation von Bertz sei amüsant, reicht indessen nicht als Hinweis auf die Schwächen des Buches aus. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn es über den ideologisch gefährlichen Sozialdarwinismus lediglich heißt, Bertz sei nun einmal ein Kind seiner Zeit und habe sich nicht vom Denken seiner Zeitgenossen befreit.

Wenn die "Philosophie des Fahrrads" etwas zeigen kann, so ist es die Verwurzelung von Grundlagen der nationalsozialistischen Ideologie im Denken der Moderne. Doch durch den so spärlichen Kommentar zum Text ist für den heutigen Leser weder eine Überprüfung der eigenen Überlegungen, noch des Denkens von maßgeblichen Kreisen zur Jahrhundertwende möglich. Das Projekt der Neuausgabe von Bertzs Buch bleibt damit also einstweilen ebenso fragwürdig, wie sein Projekt einer "Philosophie des Fahrrads" selbst.