matthias franke | 16.06.1997
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Helm auf!

Dennoch bedeutet eine gesetzliche Helmpflicht für Radfahrer nicht umbedingt ein Fortschritt bezüglich der Verkehrssicherheit!

Die Diskussionen über Unsinn und Sinn des Helms für Radler erhitzt nun seit mehr als zehn Jahren die Gemüter. Besonders kontrovers wird über die meist von Hinterbänklern im Parlamenten und Nichtfahreren Helmpflicht für Radfahrer gestritten. In diesem Disput werden Argumente aus Untersuchungen über den Effektivität von Fahrradhelmen entnommen.

Die neuste amerikanische Studie (F. P. Rivara; D. C. Thompson, R.S. Thompson; Cirumstances and Severity of Bicycle Injuriers, 1996) stellt fest, daß durch Helme auch die obere Gesichtshälfte mit Ohren, Augen, Nase und Stirn besser geschützt ist. Das wird wohl auch der schärfste Helmgegner nicht bestreiten wollen. Doch will man es etwas genauer wissen, beginnen die Probleme:

Inwieweit schmälern also Helme die Gefahr von Kopfverletzungen bei Radfahrern? Hier werden in den Untersuchungen Zahlen zwischen 50 und 85 Prozent ermittelt.

Die Kritiker solcher Studien führen daher folgendes an: Diese Abweichungen kämen durch die Unterschiedlichkeit der Kontrollgruppen und Methoden zu Stande. Meist analysiere man die nach einem Aufprall demolierten Fahrräder und Helme, befrage verunfallte Radfahrerinnen und Radfahrer oder durchforste die Krankenunterlagen. Je nach dem, auf welche Aspekte sich die Forschung besonders konzentriere, und je nach dem, welche Methodik dabei im Fordergrund stehe, liefern diese Untersuchungen nach Meinung ihrer Kritiker die voneinander abweichenden Ergebnisse. Außerdem wird oft die Relevanz der meist in Australien und den USA festgestellen Ergebnisse für europäische Verhältnisse in Frage gestellt. Radeln sei dort überwiegend Spaß oder Sport, hier werde das Velo viel öfter als Verkehrsmittel genutzt.

Obwohl Studien oft in dieser oder ähnlicher Form in Frage gestellt werden, bestreitet wohl niemand, daß man als Radfahrer mit Helm glimpflicher davonkommt, sollte es zu einem Sturz oder einem Zusammenstoß mit einem anderen Fahrzeug kommen. Helme erwiesen sich in vielen Einzelfällen als Lebensretter.

Dieser Hinweis sollte für den persönlichen Entschluß, nur mit Helm zu fahren, ausreichen. Doch in Deutschland tragen in erster Linie die Kinder Helme, mancherorts dies sogar bis zu 90 Prozent der unter 14jährigen. Mit zunehmenden Alter finden sich jedoch immer weniger Helmträger - aber noch weniger Helmträgerinnen. Erwachsene tauchen immer häufiger in der Unfallstatistik auf. Gerade die älteren Menschen, welche das Fahrrad zur gesunden Mobilität nutzen können, sollten durch einen Helm versuchen, schweren Kopfverletzungen bei Unfällen zu entgehen.

Vieles spricht demnach für den Helm. Trotzdem spricht doch fast genauso viel gegen eine Helmpflicht: Die Kontrolle des Erfolg von Helmpflichtverordnungen in Australien ist recht fragwürdig. Als im Staat Victoria 1990/91, später dann in ganz Australien Radlern das Helmtragen verordnet wurde, passierte dies ohne vorherige Maßnahme und ohne Prüfung der Wirkung, die eine Helmpflicht haben würde. Man erklärte lediglich die - im übrigen nicht steigende - Anzahl von Radfahrunfällen als Problem. Helme hätten sich bei Motorradfahrern als sinnvoll erwiesen, demnach müßten auch die Radfahrer einen Helm aufsetzen. Die Helmtragequoten wuchsen in den Jahren nach Inkrafttreten der Helmpflicht auf teilwiese bis zu 65 bis 80 Prozent. In die Hospitale wurden weniger Radfahrer mit Kopfverletzungen eingeliefert.

Doch eine nähere Betrachtung stellt diese Erfolge in Frage. Die Behauptung, als Folge der Helmpflicht werde - in etwa gleichem Umfang, wie die Kopfverletzungen abnahmen - weniger Fahrrad gefahren, konnt nicht widerlegt werden. Die Helmpflicht wäre demnach also sicherlich kein Vorteil für Gesundheit und Umwelt. Die geringer werdenden Unfallzahlen, die dem Helmtragen zugeschrieben werden, haben in Wirklichkeit vermutlich komplexere Ursachen: So haben verunfallte Radler trotz Helm teils schwere Kopfverletzungen. Helmgegner führen dies als Nachweis für den geringen Schutz durch Helme an: In Australien zeige sich, daß Helme unwirksam seien.

Was kann daraus gefolgert werden? Bei der Diskussion um Helme sollte genau zwischen dem freiwilligen Tragen von Helmen und dem Ansinnen einer Helmpflicht unterschieden werden. Viele Radler in Australien fordern die Abschaffung der Helmpflicht. Jedenfalls kann das australische Modell nicht als Nachweis für den Erfolg der Helmpflich gelten. Die Pflicht bedingt lediglich eine höhere prozentuale Quote von Helmträgern, nicht zuletzt, da einige Radfahrer wegen der Helmpflicht überhaupt nicht mehr das Fahrrad benutzen. Außerdem sind die nur aus Zwang und nicht aus Überzeugung getragenen Helme oftmals die billigeren. Daher hat schließlich auch kein europäischer Helmhersteller den Wunsch nach einer Helmpflicht. Die Helmpflicht würde vermutlich nur den Import von schnell produzierten Nachbauten aus Fernost bewirken.

Die aus Pflicht getragenen Helme werden schließlich nicht selten falsch aufgesetzt. Fehler werden sich häufen: Der Kopfschutz sitzt zu weit im Nacken, so daß die Stirn, welche die am meisten gefährdete Zone bei Unfällen ist, ungeschützt bleibt. Der Kinnriemen wird nicht fest gezurrt oder das Kinnriemenpolster wird als ein Kinnschutz vor dem Kinn getragen, so daß der Helm bei einem Unfall nicht auf dem Kopf bleibt. Viele Fahrradhelme sind zu klein oder zu groß, jedenfalls scheinen sie selten richtig auf die Kopfgröße abgestimmt worden zu sein.

Variable Schaumstoffpolster und verstellbare Innenringe ermöglichen eine bessere Anpassung. Doch dies verleitet auch immer öfter, kleine Köpfe mit zu großen Helmen zu bestücken ("Unisize"). Der Helm sitzt nur richtig, wenn Innenpolster oder Ringe nur zur Feinabstimmung benutzt werden. Die Riemen der Fahrradhelme sind immer noch problematisch: Öfters ist lange Fuchtelei nötig, um den Helm fachgemäß festzuschnüren. Manchmal verstellen sich nach dem Absetzen die Riemen. Für die Verbreiterung der Bereitschaft, einen Fahrradhelm freiwillig aus Einsicht zu tragen, werden also technische Inovationen mindestens so wichtig sein, wie es die Erfindung des Automatikgurtes für die Bereitwilligkeit unter Autofahreren war, sich anzuschnallen.