matthias franke
NAVIGATION [INDEX]   |   im Verlauf zurück   im Verlauf weiter

Interview mit Christina Schachtner - Das virtuelle Geschlecht

Das Netz verändert unser Leben. Die Marburger Pädagogik-Professorin Christina Schachtner beforscht das Geschlechterverhältnis im Internet und philosophiert über menschliche Identität im Cyberspace.

Sind Sie auch drin? Sogar Boris Becker ist schon drin - im Internet! "Ganz einfach" verkauft sich der Einstieg in die Online-Welt. Deutschland sucht den Anschluß an das globale Netz. Auch die Sozialwissenschaft entdeckt das Internet als Betätigungsfeld. Christina Schachtner arbeitete in München über Faszination und Provokation des Computers. Seit sie 1996 ihre Professur in Marburg antrat, beschäftigt sich Schachtner mit Kommunikation und Emotion am Computer. Matthias Franke befragte sie über virtuelle Geschlechtsumwandlung, Frauen am Computer und den Unterschied zwischen Mensch und Maschine - natürlich per E-mail.

Express > Was ist der qualitative Unterschied zwischen dem Computer und anderen Maschinen?
Schachtner > Der Computer ist im Vergleich zur klassischen Maschine eine Universalmaschine. Er ist nicht auf eine Funktion festgelegt wie z.B. eine Waschmaschine. Er kann sich je nach Software in viele Maschinen verwandeln.

> Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum Computer beschreiben?
Schachtner > Ich nutze ihn primär als Kommunikationstechnik. Die Kommunikation mit Kolleginnen und Kollegen ist durch die Möglichkeit des Mailens sehr viel intensiver geworden. Man wird rascher informiert und kann blitzschnell reagieren. Mails sind eine Kommunikationsform zwischen dem Plaudern und dem Brief. Man kann sich schnell was zurufen und das über Kontinente hinweg. Außerdem nutze ich den Computer für die Recherche und wenn mir Zeit bleibt, schaue ich, was in einzelnen Diskussionsforen, die mich interessieren, passiert.

> Sie sagen, der Computer sei eine Universalmaschine. Wie reagieren die Menschen auf diese besondere Eigenschaft des Computers?
Schachtner > Die Möglichkeit, mit einer Maschine zu kommunizieren, beeinflußt natürlich unser Verhältnis zu dieser Maschine. Ein 19jähriger meinte in einem Interview: "Man sieht teilweise keine Maschine mehr vor sich, sondern eine Art Gehirn". Eine Informatikerin aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz erzählte mir, sie habe dem Rechner den eigenen Namen gegeben, so, als sei er ein Teil von ihr. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine scheinen sich in der Interaktion mit dieser Maschine zu verflüssigen. Tatsächlich ist die Maschine nichts von uns grundsätzlich Unterschiedenes. Sie materialisiert unser Denken, das Denken der abendländischen Kultur. Daraus folgt, die Maschine ist in uns und wir sind in der Maschine.

> Gibt es dabei geschlechtsspezifische Unterschiede, wie erklären Sie diese?
Schachtner > Die Technik zählt zu den Bereichen in unserer Gesellschaft, die unerschütterlich mit dem Männlichen verknüpft sind. Technik und Frau, dieser Zusammenhang, erscheint demgegenüber als etwas Besonderes, nicht der Norm Entsprechendes. In der Informatik ist der Anteil der weiblichen Studierenden nach einem Anstieg Anfang der 80er Jahre bis heute drastisch zurückgegangen. Doch die Frauen erobern das Netz. Es bilden sich computerbasierte Frauennetzwerke wie die Cyberwyber, w4w (web for women) oder die Webgirls, in denen Kontakte geknüpft, Infos ausgetauscht, Diskussionen geführt werden und Frauen beim Zugang zum Netz unterstützt werden.

> Gibt es Kompetenzen beim Umgang mit dem Computer, die vor allem Frauen entwickeln?
Schachtner > Meine eigenen Studien sprechen dafür, daß Männer die Interaktion mit der Maschine spielerischer gestalten. Wenn sie programmieren, gehen sie rasch an die Maschine und probieren aus. Manchmal entstehen daraus kreative Lösungen, manchmal verlieren sie sich. Mädchen und Frauen neigen dagegen zu einem funktionalen Bezug zur Maschine. Sie sehen in der Maschine eher das Werkzeug, das sie weglegen, wenn die Aufgabe erledigt ist.

> Warum wird den Kompetenzen von Frauen am Computer gesellschaftlich nicht Rechnung getragen?
Schachtner > Software-Entwicklerinnen, die ich befragte, erzählten mir, daß sie ihren Berufswunsch immer gegen Widerstände aus ihrer Umgebung durchsetzen mußten. Die Entscheidung für ein Informatik- oder Mathematikstudium geschah meist aus dem Gefühl heraus ‘Trotzdem-und-gerade-Deswegen’. Führungspositionen in der EDV-Branche bleiben den Frauen weitgehend verschlossen. Das hat etwas mit der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zu tun, die die Aufgaben von Frauen vorrangig im Privaten ansiedelt.

> Werden die herkömmlichen Geschlechterrollen auch bei der anonymen Kommunikation im Internet reproduziert?
Schachtner > Es gibt Studien, die besagen, daß das Internet ein unwirtlicher Ort für Frauen ist, an dem diese aggressiven und obszönen Angriffen ausgesetzt sind. Dem stehen Untersuchungen gegenüber, in denen herausgefunden wurde, daß sich das Kommunikationsverhalten von Frauen und Männern im Netz nicht unterscheidet. Die Schwierigkeit ist, daß man nie sicher sein kann, ob die, die im Netz als Frauen oder Männer agieren, tatsächlich Frauen oder Männer sind.

> Was macht den Reiz aus, virtuell das Geschlecht zu wechseln?
Schachtner > Der Identiy-Switch ist zu einem international beliebten Gesellschaftsspiel geworden. Männer, die die Identität einer Frau annehmen - man nennt das Gender-Swapping - machen Erfahrungen als Frau. So bemerken sie vielleicht, daß unaufgeforderten Hilfsangeboten auch der Glaube an weibliche Inkompetenz zugrunde liegen kann. Gender-Swapping könnte das Verständnis der Geschlechter füreinander verbessern. Aber es kann auch zu komplizierten Verwicklungen führen. Liebesbeziehungen im Netz sind keine Seltenheit. Was ist, wenn sich der Mann, in den ich mich verliebt habe, als Frau herausstellt? Wie ernst darf ich solche Beziehungen nehmen? An kaum einem anderen Ort kann ich mich so sang- und klanglos aus dem Staub machen wie im Internet.

> Chatten Sie nur zu Forschungszwecken oder auch privat? Was macht für Sie persönlich den Reiz aus?
Schachtner > Ich chatte nicht. Die Begründung ist für LeserInnen wahrscheinlich nicht interssant. Erlauben Sie mir bitte, daß ich Ihnen die Antwort schuldig bleibe!

> Halten Sie es für möglich, daß irgendwann in der Zukunft virtuelles und reales Leben überhaupt nicht mehr getrennt wird?
Schachtner > Die Unterscheidung zwischen Virtualität und Realität suggeriert, als gäbe es eine ursprüngliche, einzige und wahre Wirklichkeit, von der die virtuelle abzugrenzen ist. Warum sollte das Geschehen im Netz weniger real sein? Die Auswertung von Netzprotokollen und Erfahrungsberichte von UserInnen geben keinerlei Anlaß für die Annahme, daß das, was zwischen Menschen im Netz abläuft, weniger ernst gemeint ist. Die strikte Trennung zwischen virtuell und real ist eine Illustion. Es ist typisch für ein Leben in der Moderne, daß wir zwischen verschiedenen Realitäten flanieren, das Netz ist eine dieser Realitäten und nicht weniger wirklich als die anderen.