matthias franke
NAVIGATION [INDEX]   |   im Verlauf zurück   im Verlauf weiter   |   zurück   vor

Kreativität im virtuellen Raum

Nach Heibach könnten sich aus der Dynamik einer Kommunikation die Formen kreativer Zusammenarbeit weiterentwickeln, insofern dass "die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung des Anderen, Fremden gerade im Spielerischen der ‚narrativen Kommunikation' verändern könnte" [338] . Die virtuelle Welten, innerhalb derer dies vorstellbar ist, stellen keine bloße Repräsentationen des Realen dar: "Worldmaking is neither regressive nor representational." [339] Sie konstituieren eher Räume einer Imagination, die das Bewusstsein des Selbst neu formiert. Kerckhove umschreibt dies als "artificial imagination or artificial consciousness" [340] .

Gestalterische Partizipation in einer virtuellen Realität evoziert die Ausbildung eines Bewusstseins über das Verhältnis des Selbst zu der realen Welt und zu der Phantasie. [341] Dies wird durch die Kunstproduktion innerhalb des Virtuellen kommuniziert: "Ebenso ,repräsentiert' die virtuelle Wirklichkeit keine fiktionale Realität, sondern sie ‚präsentiert' dem Beobachter die Realität der Fiktion - also eine alternative Möglichkeitskonstruktion, die seinen Kontingenzbereich unabhängig von der Perspektive desjenigen erweitert, der die Fiktion produziert hat." [342]

Idealerweise erbringt die Kommunikation innerhalb der virtuellen Realität eine Akzeptanz und ein Verständnis des Anderen. Das entspricht einer spezifischen Dialektik des Virtuellen [343] und deutet an, in welcher Form die Kommunikation innerhalb virtueller Räume auf die Wahrnehmung der realen Welt zurückwirken kann. [344]

Der abgegrenzte Raum einer virtuellen Realität bildet den Rahmen, der kreative Kooperation bei einer Kommunikation zwischen Fremden möglich macht. "Active Worlds" [345] fordert die Teilnehmer auf, die virtuelle Welt selbst zu gestalten. Die Bevölkerung der virtuellen Welt hält Versammlungen ab, in denen über die ästhetische und soziale Gestaltung der virtuellen Welt beraten und bestimmt wird. [346]

Das Mitschreibeprojekt "Café Nirvana" von Olivia Adler entwickelte sich von einer linearen Science-Fiction-Erzählung zu einem "begehbaren Roman". Teilnehmer haben die Möglichkeit, mit den Figuren der Fiktion zu kommunizieren und angemietete virtuelle Gästeräume nach eigenem Gutdünken zu gestalten. [347] Die Einladung zu einer Mitgestaltung durch die Besucher garantiert eine gewisse Bindung der Internetnutzer an die jeweilige virtuelle Welt, die andernfalls wegen der Unverbindlichkeit des virtuellen Raums ein zu labiles Konstrukt bleiben müsste. [348] Nach Heibach entsteht hier eine Sphäre der Ästhethik, die ausschließlich auf der von Technik vermittelten Kommunikation beruht:

"Kunst als Kommunikation wird hier in radikalster Form umgesetzt - um den Preis des Verlusts der Individualität und Einmaligkeit von Autor und Werk zugunsten der vernetzten Kreativität und inhaltlichen ephemeren Prozeduralität." [349]

Für die zeitgenössische Internetliteratur sind jedoch sowohl progressive, als auch retroaktive Wechselwirkungen und medieninhärente Oszillationen wirksam. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass die besprochenen Projekte der Internetliteratur teils noch stark an der Druckkultur ausgerichtet sind: konzeptionelle Schwierigkeiten der Projekte resultieren letztlich aus den gegensätzlichen Tendenzen der unterschiedlichen Wechselwirkungen, die den derzeitigen Umgang mit dem Medium kennzeichnen.

Trotzdem glaubt Heibach, dass die Utopien Flussers und McLuhans in den Bereich des Denkbaren rücken können, wenn sich die Wahrnehmungsmodi an die spezifischen Bedingungen und Potentiale des neuen Mediums weiter anpassen. [350] Gerade der Versuch, medienspezifische Formen des Künstlerischen zu finden, formt ein Bewusstsein für die Art der eigenen Wahrnehmung. Die Kunst im Internet macht die Wahrnehmung von Wirklichkeit bewusst und wirkt so auch auf das System des Sozialen ein.

"Art is born out of technology. It is the counterforce that balances the disruptive effects of new technologies in culture. Art is the metaphorical side of the very technology it uses and criticizes." [351]

Eine Ästhetisierung der Lebenswelten, wie sie Welsch konstatiert, [352] wird von der Internetliteratur umdefiniert, indem sie die Ästhetik verweltlicht. Kunst und Literatur lösen aus dem Bereich des Elitären und begeben sich im Internet in die Umgebung des Profanen. Innerhalb einer solchen Umgebung kann nun tatsächlich alles als Kunst gelten, was den Rezipienten zu Reflexionen animieren möchte. [353]

Ein Merkmal der Simulationen im Raum des Virtuellen ist es, dass sie ihr eigenes Medium zu ihrer Referens macht. Die Simulation setzt sich mit ihrer eigenen Bedingtheit auseinander. Die Analyse der Literaturprojekte hat gezeigt, dass es ein Merkmal der Internetliteratur ist, das eigene Medium zu ihrer Referens zu machen, die eigene Bedingtheit zu reflektieren. [354] So setzt sich die Kunst im Internet intensiv mit der Technologie auseinander, die ihr zugrundegelegt ist. Hier werden einerseits die technischen Möglichkeiten des Mediums ausgelotet, andererseits versucht man, diese zu überschreiten, zu hinterfragen oder verfremden. Dies steht durchaus in einer Tradition der Medienkunst, die das Medium selbst zu ihrem Thema macht und so die vom Medium geformten Wahrnehmungsmodi reflektiert. Die Tendenz, Potentiale des Mediums auszuloten, wird zumindest bezüglich der Internetliteratur dadurch verstärkt, dass sich hier die künstlerischen Bemühungen mit einem noch relativ neuen und unerprobten Medium auseinanderzusetzen haben. Die Suche nach dem, was künstlerisch mit dem Internet anzufangen ist, bestimmt in der einen oder anderen Form den Charakter der meisten Literaturprojekte. Dementsprechend lassen sich die Projekte der Internetliteratur relativ eindeutig bestimmten Spielarten der Selbstreferentialität beiordnen.

Die Projekte der Entwicklung alternativer Lese- und Anzeigeprogramme reflektieren die Bedingungen ihres Mediums durch eine Entblößung und Verfremdung der Konventionen kommerzieller Browser. Sie verdeutlichen, inwieweit das Verhalten, die Wahrnehmung und die Rezeptionshaltung des Anwenders durch die verbreiteten Computerprogramme determiniert sind. Dem Technischen entreißt man hier die bekannte "Form des Assoziierens von Sozial- und Sachdimension" [355] , also die üblicherweise von dem sozialen System zugeordneten Funktionen der Technik. [356]

Eine komplexe Form der Selbstreferentialität ersteht bei diesen Projekten aus der Oszillation zwischen der Internalisierung einer der Technik neu zugeschriebenen Bedeutung und der Distanzierung von einer der Technik üblicherweise zugeschriebenen Bedeutung.

Eine andere Form der Auseinandersetzung mit dem eigenen Medium äußert sich in Projekten der Internetliteratur, welche die technischen Möglichkeiten des Mediums nutzen, diese aber nicht verfremden, entblößen oder letztlich gar zerstören. Wie die Analyse gezeigt hat, beschäftigen sich diese Projekte auf einer inhaltlichen oder formalen Ebene mit ihrem Medium Internet. Auf der technischen Ebene setzen sie Potential des Mediums auf eine Weise ein, die nicht derart destruktiv ist, wie beispielsweise bei alternativen Browsern. [357]

"Hilfe" von Susanne Berkenhegers verdeutlicht durch zirkulare Strukturen des Hypertexts auf die rekursive Heuristik der Computertechnik hin. Die Erzählung wird zu keinem Ende geführt, sondern versetzt das Lesen in eine endlos wiederholbare Bewegung, in der Variationen des bereits Gelesenen periodisch wiederkehren. Der Text des Raps von Bastian Böttchers "Looppool" spricht die Möglichkeit an, die Abfolge der Textzeilen zu variieren.

Damit ist die Selbstreferentialität als charakteristisch für die Literatur im Internet gekennzeichnet. Erst die Selbstreflexion durch das Medium macht einen aktiven, bewussten und kritischen Umgang mit dem Internet möglich. Zumindest im literarischen Bereich mag also die Selbstreferentialität nicht nur das Resultat einer referenzlosen Simulation nach Baudrillard und Virilio sein, sondern den bewussten Umgang mit dem Medium zum Ziel haben. [358] Auch wenn die Kommunikation zwischen den Nutzern des Internets durch die Technik vermittelt bleibt, hebt dies doch in gewissem Maße die Passivität im Umgang mit dem elektronischen Medium auf, wie sie Baudrillard und Virilio konstatieren. [359]

Auf den ersten Blick scheinen virtuelle Welten ein Beleg für die Simulationsthese Baudrillards zu sein. Innerhalb künstlicher Räume werden lebensweltliche Gefüge konstruiert, die als Projektionen des Realen gelten können. [360] Die Simulation bringt nach Baudrillard das Verschwinden von Oppositionen mit sich. Die Analyse der Projekte der Internetliteratur bestätigte eine solche Überwindung von Gegensätzlichkeiten, auch wenn dies bislang mit konzeptionellen Problemen der Literaturprojekte verbunden ist. Der Internetliteratur gelingt es, vormals getrennte semiotische Systeme in eine Wechselwirkung zu setzen, obwohl sie bis dato in Opposition zueinander standen. Bei den meisten Projekten der Internetliteratur steht die Inhaltlichkeit nicht derart im Mittelpunkt des künstlerischen Interesses wie die bloße Performance des Texts. Dies scheint Baudrillards These zu bestätigen, die neue elektronische Welt sei gekennzeichnet durch die Transparenz und Oberflächlichkeit von Phänomenen, die einer Semiokratie, einer Herrschaft referenzloser Zeichen unterworfen sind.

Andererseits hat sich doch gerade in der Analyse alternativer Browsers und der Datenvisualisierung gezeigt, dass zumindest die künstlerischen Bemühungen im Internet von keiner Transparenz des Mediums ausgehen, sondern im Gegenteil die Undurchsichtigkeit des Computers verdeutlichen wollen. Die Aufhebung von Oppositionen kommt also nicht automatisch dem Übergang zu einer Simulation gleich, innerhalb der keine Differenzen, keine Differenzierung mehr möglich sind. So bleibt auch die Virtualität keine bloße Simulation, sondern kann wird als Emergenz neuer Phänomene insofern zu einem Teil der Wirklich, als sie auf die reale Lebenswelt einzuwirken vermag:

"Man spricht von möglichen Welten als simulierten Realitäten, und dadurch geht ihre Spezifität weitgehend verloren. ... Die Virtualität im eigentlichen Sinne verfolgt eine viel reichhaltigere Absicht; sie geht über die Eigenschaften der Simulation hinaus und kann nicht mehr auf die Unterscheidung von Zeichen und Referent bezogen werden. Ihr Zweck ist, eine ‚concret de pensée' als eine alternative Realitätsdimension zu schaffen: keine falschen realen Objekte, sondern wahre virtuelle Objekte, für welche die Frage der realen Realität ganz und gar gleichgültig ist." [361]

Baudrillard und Virilio bemerken ein Verschwinden der Schrift, das Ende der traditionellen Bedeutungskonstruktion. Tatsächlich zeigte die Analyse der Literaturprojekte des Internets, dass hier der Bedeutung des Texts kein allzu hoher Stellenwert mehr zukommt. Unter der Bedingung einer Flüchtigkeit der digitalen Schriftlichkeit kann das Lesen als Internalisierung einer Bedeutung nicht mehr im Zentrum des künstlerischen Interesses stehen. [362]

"Steht im metaphysischen Zeichensystem das Signifikat an der Spitze der drei Terme [Signifikat, Signifikant, Referent] und definiert von da Signifikanten und Referenzen, so kippt dieses Dreieck in den neuen Medien zur Seite. Der Sinn dirigiert nicht mehr, sondern wird dirigiert vom Spiel der Bilder und Worte, die gleichberechtigt agieren, zerlegt und zusammengesetzt nach keiner fundamentalen Grammatik und Syntax, eher nach der Qualität einzelner Formen und Farben, Töne, Länge der elementaren Materialität der Zeichen und ihrer Assoziationsmöglichkeiten. Zum Sinn wie zum Referenten unterhält dies Zeichenspiel nur lose Beziehungen, nur durch Glauben oder Gesetze festzuzurren, nur durch Androhung oder Exekution von Gewalt, immer vom Zerfall bedroht." [363]

Insofern mögen neue Medien tatsächlich von Oberflächlichkeit geprägt sein. Auch wenn die Maßgaben der hergebrachten Ästhetik hier nicht gelten, so resultiert daraus doch eine Konzentration der literarischen Kunst auf die Wahrnehmung selbst, auf eine Aisthesis. So verlangt etwa die "Die Aaleskorte der Ölig" dem Leser eine überdurchschnittliche Genauigkeit der Wahrnehmung ab. Erst diese ermöglicht eine einigermaßen adäquate Lesart, eine Interpretation. Doch die Bedeutung, die sich nun erschließt, ist alles andere als tiefgründig, sie bleibt hinter jeder Erwartung zurück. Auf diese Weise wird dem Leser verdeutlich, dass es dem Projekt nicht in erster Linie um die Herstellung von Bedeutung geht, sondern um die Erkundung von Wahrnehmungsvorgängen. [364]

Die Entwicklung einer Datenvisualisierung wurde in der Betrachtung der Internetprojekte als kritische Haltung gegenüber den bestehenden uniformen Wahrnehmungsmodi erklärt, die Entwicklung alternativer Browser wurde auf eine ablehnenden Haltung gegenüber kommerzieller Software zurückgeführt. Anhand dieser Beispiele zeigt sich besonders deutlich, dass die innerhalb des Massenmediums Internet zweifellos wirksame Oppositionslosigkeit der Simulation zu einem Thema der Kunst wird. In gewisser Weise entzieht sich also die Internetliteratur den Erklärungsansetzen, die sie ausschließlich als Phänomen des eigenen Mediums begreifen. Eine andere Qualität als in anderen Bereichen des Mediums erhält die Selbstreferentialität und Bedeutungsarmut der Internetliteratur zumindest insofern, als sie die medialen Bedingungen beleuchten und hinterfragen, unter denen sie entstanden sind. [365] Die Kritik Baudrillards und Virilios ist keineswegs von der Hand zu weisen, doch für die Internetliteratur mag sie nur sehr eingeschränkt zutreffen. Schließlich benennt und reflektiert gerade die Literatur im Internet die Gefahren einer Normierung, die sich das Verschwinden von Bedeutung in neuen Medien zu nutze macht.

Literaturprojekte der Semiosphäre verbinden in gewissem Maße vormals getrennte semiotische Systeme. Die Analyse zeigte, dass hier eine Verschmelzung der Sinneseindrücke versucht wird. Man könnte also auf Entwicklung zu einer synästhetischen Wahrnehmung schließen, wie sie McLuhan vorschwebte. Projekte wie "Die Aaleskorte der Ölig" machen deutlich, dass die hier wirksame Synästhesie mit dem Zwang einhergeht, das kognitive Verhalten beim Lesen zu verändern.

Ähnliches zeigte sich jedoch auch bei literarischen Projekten, die in erster Linie auf Text, Hypertext basieren. Schon die komplexen Verknüpfungsstrukturen, wie beispielsweise bei dem Projekt "imaginäre Bibliothek", betont die Performanz des Texts. Die Aufmerksamkeit bleibt hier nicht auf ein lineares Lesen konzentriert, sondern richtet sich darauf, dass die Richtung der Lesebewegung nicht vorgegeben ist und ständig geändert wird. Dem Lesen kann es nicht mehr primär um die Konstruktion semantischer Bedeutung gehen, sondern eher um die bloße Wahrnehmung einer Ästhetik der sprachlichen Oberfläche auf dem Bildschirm. [366]

Insofern mag Flussers "Lob der Oberflächlichkeit" für die Internetliteratur von Relevanz sein: "Ein Modell wird dann desto besser sein, je intensiver es erlebbar wird, und nicht je wahrer es ist" [367] . So beängstigend dies in seinen letzten Konsequenzen auch sein mag: die Immersion, das Erleben mit allen Sinnen tritt mehr und mehr an die Stelle eines introspektiven Lesens und der kontemplativen Reflexion des Wahrgenommenen. [368]

Die Vernetzung hebt zwar nicht vornehmlich die Linearität und Kohärenz des Textes auf, doch stellt sie die Kohärenz der Konstruktion von Wirklichkeit in Frage. Die Wahrnehmung des Textes bedarf nach wie vor einer Orientierung an der Linearität. Wie die Analyse von Hypertextstrukturen gezeigt hat, muss sich orientiert darum der Hypertext mindestens insofern an den Maßregeln der Buchkultur, als die einzelnen Sätze und die miteinander verknüpfte Textsegmente ihren linearen Charakter behalten.

Die Vernetzung einer unüberschaubaren Vielzahl von Perspektiven innerhalb des Mediums insgesamt mag jedoch Zweifel hervorrufen an der Eindeutigkeit, Allgemeingültigkeit und damit auch an der Schlüssigkeit und Kohärenz von Erklärungs- und Wahrnehmungsmodellen. Dem Individuum wird abverlangt, sich frei für eines der möglichen Wahrnehmungsmodelle zu entscheiden. Damit kommt dem Individuum die alleinige Verantwortung für das Wahrnehmungs- und Erklärungsmodell zu, das immer wieder neu gegen ein anderes einzutauschen oder zu modifizieren ist.

Diese Problematik spiegelt sich in der Internetliteratur wieder. Die Projekte zwingen den Lesern ganz offensichtlich, eigene Lesarten zu finden, also ein individuelles Wahrnehmungsmodell zu entwickeln. Die Bedeutung, die das Individuum nun mühsam selbst herstellen muss, enttäuscht jedoch jede Erwartungshaltung. Gerade wenn die Bedeutung nur eine von beliebig vielen ist, kann sie keine sonderlich tiefgründige sein. Eine tiefere Bedeutung kann offenbar nur auf Basis einer stärkeren Intervention und Unterstützung seitens des Autors hergestellt werden, nicht aber einzig und allein durch die Leistung des individuellen Leser. [369]

Im Internet wird die bloße Wahrnehmung gegenüber der Bedeutung aufgewertet, die Leistung des Lesens findet Beachtung als Teil der künstlerischen Leistung. Beides wirkt auf die Erscheinungsformen der Kreativ selbst aus. Die Analyse der Literaturprojekte scheint zu bestätigen, dass das Interesse der Kunst nun mehr dem Schaffensakt selbst gilt, als einem vollendeten Werk. Dies zeigt sich besonders deutlich anhand von Mitschreibprojekten, bei denen das Genie des Einzelnen ohnehin schon hinter eine die Kreativität des Kollektivs zurücktreten muss. Was bei Projekten wie "23:40" zählt, ist nicht mehr die Bedeutsamkeit des Beitrags, sondern die Beteiligung selbst, der bloße Gestus des Schreibens. So lässt sich erklären, warum sich vor allem bei dem "Assoziationsblaster" eine Vielzahl von Beiträgen findet, die offenbar nichts anderes als Nonsens sein wollen.

Auf diese Tendenz, die hergebrachte Rolle des Autors zu hintergehen, reagiert eine Gegenbewegung innerhalb der Internetliteratur. [370]

Viele der besprochenen Projekte verstehen sich als abgeschlossenes Werk. Trotz wachsender Kooperation zwischen den Künstlern bleibt die Funktion des Autors die eines Besitzers geistigen Eigentums.

Eine Zielrichtung der teils gegenläufigen Tendenzen lässt sich nicht ausmachen, schließlich ist die Weiterentwicklung der Internetliteratur in hohem Maße von den Entwicklungen der Computertechnik abhängig. Doch prägt gerade der Fortschritt der Computertechnik den Charakter der Internetliteratur. Konzepte, die zunächst als äußerst innovativ gelten, sind innerhalb kurzer Zeit überholt und müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, die Möglichkeiten des neuen Mediums nicht zu nutzen. Schlimmstenfalls lassen sich ältere Projekte innerhalb neuerer Browser gar nicht mehr adäquat anzeigen. Unter diesen Bedingungen produzieren Autoren im Internet eine Literatur, die vornehmlich für den Augenblick bestimmt ist und keinen langen Bestand haben soll. Eine Archivierung dieser Projekte verstößt gewissermaßen gegen die ihnen zugrundeliegende Konzeption. Die Flüchtigkeit der Literaturprojekte zeigt sich bereits darin, dass eine Anzahl von beachtenswerten Projekten der Internetliteratur durch Fehler bei Internetservern für immer verlorengegangen sind. [371]

Die Analyse von Projekten der Internetliteratur bestätigt, dass das neue Medium in starker Abhängigkeit vom Beobachter seine Wirklichkeit konstruiert. Insofern sind hier grundlegende Theoreme des Konstruktivismus relevant.

Virilios und Baudrillards Visionen von einem Verschwinden der Schrift und der Bedeutung scheinen sich nur teilweise zu bestätigen. Die Kunst ist nämlich nicht in erster Linie eines der Phänomene des Massenmediums, sondern reflektiert und hinterfragt diese. Dadurch entzieht sie sich als Gesamtwerk zumindest mittelbar einer Bedeutungslosigkeit, auch wenn auf der rein inhaltlichen Ebene die semantische Bedeutung einen recht geringen Stellenwert haben mag.

Die Utopien McLuhans und Flussers kommen also einer Programmatik der Internetliteratur am nächsten. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Internet ist sicherlich nicht selten von eben jener Hoffnung inspiriert, dass sich aus einer Vernetzung soziale und kulturelle Alternativen entwickeln könnten. Besonders deutlich wird dies bei Projekten der Datenvisualisierung. Gerade angesichts einer vermeintlichen Gefahr durch die Kommerzialisierung verweist man bezüglich der Vernetzung auf eine potentiell neue Qualität von Kommunikation und Kooperation. [372]

Die Literatur des Internets integriert Kommunikation und Interaktion. Sie verschiebt die Konstruktion der Bedeutung auf die Oberflächlichkeit des Bildschirms, wo sie ausschließlich von dem Leser verantwortet wird. Die Literatur des Internets macht das Werk zu einem Projekt, zu einem Prozess dessen Produkt äußerst flüchtig ist oder sogar ganz ausbleibt. Das Genie des einzelnen Autors wird verleugnet.

"[...] it is essential to imagine a work without coherence, without completion and without autonomy. [...] By the same token, aesthetics must move beyond the organic unity of the art object to embrace the social processes of making. Until then, the desastrous history of the audiovisual will be repeated as failed hierarchies pile upon the other, or worse still, in the achievement of truly coherent virtual spaces, simulating and overlaying the virtualised subjectivity and controlled society of the corporate playworld." [373]

Wenn also ein Anspruch auf Einheitlichkeit, Abgeschlossenheit und Kohärenz an die Internetliteratur gestellt wird, so verhindert dies ein Vorverständnis des Phänomens. Aus der Enttäuschung darüber, dass Internetliteratur diesem Anspruch nicht gerecht werden will, kann die Forderung resultieren, die Internetliteratur habe ihre Ästhetik erst noch zu entwickeln. Dieser Aufforderung wird die Literatur im Internet nicht nachkommen, Einheitlichkeit und Abgeschlossenheit werden unter den Bedingungen des neuen Mediums nicht mehr verwirklicht. Mit der fortschreitenden Ablösung von den Konventionen der Buchkultur wird sich die Internetliteratur auf noch fatalere Weise jeder Kohärenz verweigern.

Es bleibt also zu hoffen, dass sich Rezeptionsmodi entwickeln, die einen geübten Umgang mit dem neuen Medium entsprechen. Nur ein adäquater Modus der Rezeption und Interaktion ermöglicht es der ambitionierten Literatur im Internet, ein lesendes und schreibendes Publikum zu finden. [374]

NAVIGATION [INDEX]   |   im Verlauf zurück   im Verlauf weiter   |   zurück   vor

Bibliographie

NAVIGATION [INDEX]   |   im Verlauf zurück   im Verlauf weiter   |   zurück   vor

Literatur

NAVIGATION [INDEX]   |   im Verlauf zurück   im Verlauf weiter   |   zurück   vor

Projekte der Internetliteratur

NAVIGATION [INDEX]   |   im Verlauf zurück   im Verlauf weiter   |   zurück   vor

englischsprachige Hypertexte

NAVIGATION [INDEX]   |   im Verlauf zurück   im Verlauf weiter   |   zurück   vor

Projekte zur Förderung der Internetliteratur


NAVIGATION [INDEX]   |   im Verlauf zurück   im Verlauf weiter   |   zurück   vor