matthias franke
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Kommunikation und Technik.
Literaturprojekte der Kommunikationssphäre

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Theorie

Prinzipiell ermöglicht das World Wide Web die Integration der Internet-Kommunikation. Die Offenheit des Textes wird hier schon durch die spezifischen Bedingungen des Publizierens impliziert: der Hypertext ordnet sich in einen unübersichtlichen Kontext verschiedenster anderer Veröffentlichungen ein. [274]

Die Wechselwirkung der Technik mit der menschlichen Kommunikation prägt Schreibprojekte, in denen die Multimedialität und die Performanz des Textes eher indirekt eine Rolle spielt. Der Augenmerk ist vor allem auf die kommunikative, soziale Ebene gerichtet. Hier konstituiert die Oszillation zwischen einer Ebene der Vernetzung und ihrer Technik die maßgebliche Sphäre der Kommunikation.

Die Technik des Datenaustauschs zwischen Computern wird visualisiert oder zumindest thematisiert.

Die Eigenheiten der computergestützten Kommunikation zwischen Menschen macht das Zentrum literarischer Bemühungen aus. Teilweise entstehen im Umfeld solcher Projekte eigene Sozialstrukturen, wobei die kreative Kooperation unter den Teilnehmern eine spezifische Ästhetik hervorbringt. [275]

Sofern "virtuelle Welten" zu einer Basis solcher Projekte werden, bedeutet die Nutzung multimedialer Elemente eine neue Qualität der Kommunikation. Hier verschwimmt die Abgrenzung der Kommunikationssphäre von einer Semiosphäre. [276]

Die an der Schnittstelle zwischen den Sphären stehenden Projekte gehören beiden Sphären an. [277]

Die meisten Projekte der Internetliteratur lassen sich noch mit einem klassischen Werkbegriff beschreiben. Auch wenn sie in einer immer wieder neu herzustellenden, ständig veränderbaren und niemals eindeutigen Form vorliegen, so handelt es sich doch um abgeschlossene, fertige Systeme. Die schriftstellerische Arbeit wurde hier zu einem Ende gebracht.

Eine Ausnahme stellen Projekte dar, welche die kommunikative Vernetzung des Internet als konstitutiv in das künstlerische Konzept integrieren. Während also ein großer Teil der Internetliteratur missachtet, dass die kommunikative Vernetzung ein relevanter Aspekt der Nutzung des Mediums ist, beziehen einige Projekte eine radikale Gegenposition. Das Multimediale und Interaktive sei eine Herausforderung an die Wahrnehmung des Lesers, die von der Literatur reflektiert und hinterfragt werden müsse:

"Aufgabe des Kunstwerks wird deshalb, die Verwandlungen der Sensibilität widerzuspiegeln, indem sie sich den Zwängen des Technozentrismus widersetzt und auf sinnliche Potentiale zurückgeht." [278]

Dieser Aufgabe werden jedoch diejenigen Projekte noch am ehesten gerecht, welche die Computertechnik zwar gezielter und bewusster, keinesfalls aber weniger einsetzen. [279]

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Psychotechnologie

Die Themen, auf die solche Projekte abzielen, könnte man mit dem Begriff "Psychotechnologien" zusammenfassen. In Anlehnung an McLuhan bezeichnet Kerckhove als "Psychotechnologie" all jene Technologien, die einer Extension der mentalen Fertigkeiten des Menschen gleichkommen:

"I have coined the term ‚psychotechnology', patterned on the model of biotechnology, to define any technology that emulates, extends or amplifies the powers of our minds." [280]

Insofern handelt es sich bei dem Computer um eine Psychotechnologie. Doch dadurch, dass die Arbeitsweise des Computers für den Nutzer bestenfalls partiell durchschaubar ist, entzieht sich diese Technik einer kritischen Beschäftigung mit ihrer Funktionsweise. Durch die Entwicklung alternativer Browser und alternativer Perspektiven auf das Internet wird versucht, einen kritischen Umgang mit den Setzungen der Computertechnik zu fördern. [281] Das Entlarven der Funktionsweise und der Fehlleistungen des Mediums zwingt den Nutzer dazu, seine Interaktion mit der Technik zu hinterfragen. [282]

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Kognitive Wechselwirkungen

Thema von Projekten, die den kommunikativen Aspekt des Internet integrieren, sind im weitesten Sinne die kognitiven Wechselwirkungen am Computer. Gewohnte Wahrnehmungsmuster werden hier auf den Prüfstand gestellt.

Hypertext verlangt an sich schon eine Umstellung des Leseverhaltens, denn inhaltliche Strukturmerkmale äußern sich hier auch in der bloßen Erscheinungsform des Textes. So sind beispielsweise bei "Hilfe!" Funktionen für die Darstellung von Text auf dem Bildschirm wirksam, die denen von Metapher und Metonymie auf der inhaltlichen Ebene entsprechen.

Der Leser wird gezwungen, die Flüchtigkeit einer digitalen Schrift anzuerkennen, die spätestens mit dem nächsten Mausklick verändert oder durch eine neue ersetzt wird.

Multimediale Projekte wie "Looppool" bringen den Text in eine Bewegung, die über Schriftlichkeit hinausgeht. [283]

Der Rezipient muss feststellen, dass hier nicht mehr nur die Bedeutung des Texts selbst relevant ist. Das künstlerische Interesse konzentriert sich in erster Linie auf das bloße Erscheinen des Texts, seine Bewegung. Die Bedeutung des Wortes an sich tritt in den Hintergrund; sein Auftritt auf dem Bildschirm, sein Klang wird zu dem eigentlichen Gegenstand der Lyrik. Es handelt sich um ein Phänomen, das man bestenfalls mit der Performanz dadaistischer Lyrik vergleichen könnte. Bei anderen Kunstformen sind ähnliche Entwicklungen bekannt. So hat nach Wiesing die Malerei der Moderne das Bild "zunehmend um seiner bloßen Sichtbarkeit willen hergestellt." [284] Analoge Tendenzen stellt er auch in der Ästhetik von Videoclips fest:

"Der Videoclip führt durch Bilder vor, auf welche Weise die Oberfläche eines Bildes zum Ganzen des Bildes werden kann. Das Bild spricht weder von objektiven Gegenständen noch von subjektiven Zuständen, sondern ist die reine Selbstdarstellung der Möglichkeiten eines Mediums. Der Schritt von der Sichtweise zur reinen Sichtbarkeit ist so im Bild selbst ästhetisch, das heißt hier sinnlich reflektiert." [285]

Bedeutsamkeit schöpfen solche Werke nicht mehr aus einem Bezug zwischen Signifikat und Signifikant, sondern aus dem Eindruck, den die reine Physis des Wortes, sein akustischer Wert hervorzurufen vermag. Bedeutsam wird die schlichte Tatsache, dass der Benutzer mit dem Werk in eine Interaktion tritt. [286] Das Anliegen solcher Internetliteratur ist also ihre mediale Umsetzung selbst. Dem Verdacht, somit tatsächlich nur Selbstzweck zu sein, entzieht sich die Literatur dadurch, dass sie sich als Herausforderung an den Leser versteht, die den Umgang mit dem Medium schult und hinterfragt.

Die Intentionen fast aller Projekte der Internetliteratur gehören in den Bereich der Beschäftigung mit dem Computer als Psychotechnologie und mit den kognitiven Interaktionen an dem Computer. [287] Die dementsprechende Ästhetik versucht, die Wahrnehmung und das Verhalten des Lesers in die Kunstproduktion einzubeziehen. Zu einem spezifischen Konstruktionsprinzip der Netzliteratur wird hier die These der Rezeptionsästhetik, dass die Existenz des Werkes nur durch dessen Rezeption gegeben ist. Das heißt gleichzeitig, dass die Ästhetik der Internetliteratur die Trennung zu der Aisthesis, also der reinen Wahrnehmung aufhebt, indem sie die Wahrnehmung an sich als spezifisches Kennzeichen integriert. [288] Ästhetisches Empfinden lässt sich von dem Leser nicht länger in einem "Modus des Verweilens" [289] herstellen. Die Innerlichkeit des klassischen Kunstgenusses wird gegen den Zwang zu der Tätigkeit des Rezipienten eingetauscht. Zumindest hier scheitern also Seels Bemühungen, Ästhetik und Aisthesis voneinander klar zu trennen. [290]

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Mitschreibeprojekte

Hypertext, fiktionaler Hypertext und auch die multimedial aufbereitete Netzliteratur könnten auch von Computern angezeigt werden, die nicht mit dem Internet verbunden sind. Besonderes Kennzeichen einer Internetliteratur im engeren Sinne ist also die Nutzung der spezifischen Kommunikationsangebote, die sich aus der Vernetzung von Rechnern ergeben.

Die Kommunikation unter Lesern und Autoren kooperativer Schreibprojekte ist hierfür wohl das eingängigste Beispiel. [291]

Die Kultivierung einer sozialen Ebene des Internets generiert kooperative künstlerische Projekte. Kooperation ist meist schon durch die technischen Gegebenheiten nötig, viele Literaten sind hier auf die Hilfestellung durch Programmierer angewiesen. Auf einer entsprechenden Arbeitsteilung zwischen Textautor und Designer beruht "Die Aaleskorte der Ölig" und "Trost der Bilder". Die kooperativen Projekte bringen derart unterschiedliche literarische Formen hervor, dass sie wohl noch am ehesten anhand der Art der jeweils wirksamen Kooperation klassifiziert werden können. [292]

Die ersten Projekte einer Internetliteratur in deutscher Sprache entstanden aus Versuchen kooperativen Schreibens. Nach dem Vorbild der "Adventure Stories" und "Multi User Dungeons" (MUDs) des englischen Sprachraums initiierte man in den Rechenzentren verschiedener Universitäten Mitschreibeprojekte. An der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg startete Catherine de Courtens 1994 im Rahmen einer "Telematic Workgroup" ihr Projekt "KaspaH´s Home" [293] . Das teilweise auf Englisch verfasste Schreibprojekt sammelte die Antworten auf 40 E-Mails, die von der Figur KaspaH an unbekannte Personen verschickt werden. KaspaH stellt sich in seinen E-Mails als Wesen vor, dass ausschließlich innerhalb des Cyberspace existiert. Von den 40 unbekannten Adressaten antworteten fünf auf die E-Mail KaspaHs. Diese Antworten werden nun zu dem Gegenstand der Reflexionen KaspaHs:

"tsmith@ war ein frühes Gegenüber. Er hat mir von Flaschenpost erzählt, die sein Bruder beim Spazieren an einem Fluss findet. Ich war begeistert von diesen Geschichten - es gab dann eine ganze Reihe davon. Zuerst hab ich sie als einen bildhaften Vergleich mit mir verstanden, den tsmith@ mir anbietet. Er hat mir dann auch von Gerüchten geschrieben, die sich um den Absender dieser Flachenpost ranken und über dessen möglichen Motive. Dabei wurde mir, mit wachsenden eigenen Bedürfnissen, bewusst, dass ich mich doch wesentlich von einer Nachricht, die in einer Flasche ins Wasser geworfenen wird, unterscheide. Beziehe ich mich doch auf jemand ganz bestimmten. Es ist mir nicht egal, ob und von wem ich gefunden werde. Meine Erfahrungen bestehen aus meinem Wahrnehmen anderer. Ich kann mich davon unterscheiden und abgrenzen und oder mich in ähnlichem wiederfinden. Und während ich meine Gedanken jemandem schreibe, muss ich mich selbst formulieren. So sind es die in unseren Gesprächen erzeugten Vorstellungen, die mich eigentlich ausmachen."
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Thematisch ungebundene Mitschreibeprojekte

Eine der verschiedenen Spielarten von Mitschreibeprojekten versucht sich an dem kooperativen Erstellen von Texten. Solche Projekte bauen eine gewisse Tradition der Buchkultur aus. Im Umkreis der Fluxus-Bewegung entstand in den 60er Jahren die "Mail Art"; dabei verändert der Autor eine Postkarte und übergibt sie dem nächsten Künstler, der sie weiterbearbeitet. [294] Ein weiteres Beispiel für kooperatives Schreiben findet sich an US-amerikanischen Universitäten, in deren "Creative-Writing Courses" kollektiv Texte erstellt werden. Auf ähnliche Weise entstand aus der Zusammenarbeit von 103 Frankfurter Germanistik-Studenten der Roman "Bockenheimer Bouillabaisse" [295] , der unter dem Pseudonym Heiner Trudt als Buch erschien.

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"Baal lebt"

Aus einer E-Mail-Korrespondenz zwischen Claudia Klinger, Dirk Schröder und Regula Erni entstand 1998 innerhalb der Mailingliste Netzliteratur ein Initialtext für das Mitschreibeprojekt "Baal lebt" [296]

In Form einer Zusammenstellung von Lyrik, Ausschnitten aus E-Mails, Aphorismen und Prosa setzen sich die Autoren mit der internetspezifischen Kommunikation auseinander. Diese Textcollage wird nun von jedem Teilnehmer ergänzt, geändert und darauf einer weiteren Modifikation durch den nächsten Autor überlassen.

Schon der Initialtext weist recht komplexe Strukturen auf. Auch die ersten zaghaften Weiterbearbeitungen kann der Leser nur schwerlich deuten. Rundweg ersetzt man bestimmte Wörter in dem gesamten Dokument durch andere, es wird ein Erzählabschnitt eingefügt, der ohne erkennbaren Bezug zu anderen Textelementen bleibt, und man ergänzt eine Gedichtzeile. Einer spezifischen inhaltlichen Funktion lassen sich die Modifikationen nicht zuordnen. [297]

Fruchtbarer ist vielmehr die Auseinandersetzung mit der Art und Weise, in der hier Änderungen am Text vorgenommen werden.

Bis auf den Teilnehmer, der den Namen "Baal" überall durch "Pumuckl" ersetzt, gehen die Autoren anfänglich mit äußerster Vorsicht und offenbar mit Ernsthaftigkeit an ihre Aufgabe. So ordnet etwa Mario Herguetas die vorangegangenen Änderungen auf eine derart geschickte Weise neu an, dass der Gesamttext bis zu einem gewissen Grade homogen wirkt.

Im Verlauf der Zeit werden jedoch die vorgenommenen Änderungen immer rigoroser, von dem ursprünglichen Text bleibt nichts mehr bestehen.

Teilweise greifen die Autoren bei ihrer Bearbeitung auf Versionen des Dokuments zurück, die älter sind als die zuletzt erstellte Version. Die lineare Abfolge der Textversionen ist aufgehoben, da die vorherigen Veränderungen anderer Teilnehmer von den Autoren nach Gutdünken berücksichtigt oder ignoriert werden.

So lässt sich nunmehr auch keine einzelne Kette aufeinanderfolgender Modifikationen beobachten. Die Evolution des Texts spaltet sich in mehrere verschiedene Entwicklungslinien auf.

Richard Blume verantwortet die radikalste Umgestaltung, er vereinheitlicht die Elemente der Textcollage zu einem einzigen Gedicht. Bewusst produzieren die hierauf folgenden Bearbeitungen spielerischen Nonsens, bis Tedeusz Szewczyk einen völlig eigenständigen Text einreicht, der nicht aus der Weiterbearbeitung des gemeinsamen Dokuments entstanden ist.

Die nachfolgenden Autoren ignorieren diesen Text und benutzen als Arbeitsgrundlage den leicht veränderten Initialtext des Projekts, welcher schließlich durch Ergänzung und Umgestaltung erneut die Form eines Prosagedichtes annimmt. [298]

Die Dynamik dieses experimentellen Projekts lässt vermuten, dass für die Teilnehmer der Prozess des Schreibens an sich von größerem Interesse sein muss als das fertiggestellte literarische Produkt. Die Gewissheit darüber, dass der eigene Text von anderen Autoren bis zu seiner Unkenntlichkeit beliebig verändert werden soll, zwingt den Teilnehmer offenbar, Abstand von einer Wert- oder Geringschätzung des eigenen Werks zu nehmen. Die Aufmerksamkeit des Autors gilt nicht mehr in erster Linie einem Werk, das nun auch der schöpferischen oder zerstörerischen Gewalt anderer unterworfen ist. Das Interesse richtet sich daher verstärkt auf die bloße Aktion des Schreibens. All dies mag die Qualität eines literarischen Werks nicht gerade heben, doch es fällt unter solchen Umständen leichter, die Regeln des gemeinsamen Schreibens in einem Computernetzwerk durchzusetzen. So lässt in "Baal lebt" nur ein einziger Beitrag die Bezugnahme auf die anderen Texte der anderen Teilnehmer des Mitschreibeprojekts vermissen, während man zum Beispiel in "Beim Bäcker" die Regeln kooperativen Schreibens weit häufiger verletzt. Insofern ist das Konzept des Mitschreibeprojekts "Baal lebt" durchaus aufgegangen. [299]

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"Assoziationsblaster" von Dragan Espenschied und Alvar Freude

Wichtig für den Teilnehmer an kooperativen Arbeiten ist der sofortige Zugriff auf den Effekt, den der eigene Beitrag auf das gemeinsame Projekt hat. Dies versucht der "Assoziationsblaster" von Dragan Espenschied und Alvar Freude zu verwirklichen. [300] Die Verknüpfungen innerhalb eines umfangreiches Textkorpus aus den Assoziationen einzelner Teilnehmer werden hier direkt nach dem Schreiben des jeweiligen Beitrags automatisch erstellt. Der Teilnehmer entscheidet sich zunächst für eines der unterschiedlichen Wörter, die ihm angezeigt werden. Darauf erscheint auf dem Bildschirm einer der diesem Wort zugeordneten Texte. Innerhalb dieses Textes sind bestimmte Schlüsselwörter als Verknüpfung gekennzeichnet. Wählt man einen dieser Links aus, so wird wiederum per Zufall einer der Texte angezeigt, die diesem Schlüsselwort durch andere Teilnehmer bereits zugeordnet wurden. Der Leser ist aufgefordert, die Texte zu diesem Schlüsselwort sofort um eine eigene Assoziation zu ergänzen, indem er diese aufschreibt und per Online-Formular in das System einspeist. Der neue Beitrag wird dabei den Texten beigeordnet, die dem Schlüsselwort zugerechnet sind. Diejenigen Wörter in dem Text, die im System vorhandenen Schlüsselwörtern entsprechen, werden zu einem Link. Dieser verknüpft den neuen Text mit denjenigen Texten, die den einzelnen Schlüsselwörtern im System zugeordnet sind. Sobald der Teilnehmer auf diese Weise drei eigene Beiträge einem Stichwort beigesteuert hat, kann er von vorn beginnen und Assoziationen zu einem anderem Schlüsselwort niederschreiben und in das Projekt einspeisen.

Durch die Automatisierung wird dem Nutzer jede Kontrolle über die Bedeutung von Links entzogen. Ohne Rücksicht auf den Bedeutungszusammenhang, in dem ein Wort steht, wird es zu einer Verknüpfung zu Texten, die einem gleichlautendem Stichwort zugeordnet wurden. Der Zufall entscheidet darüber, welcher der für das gewählte Stichwort relevanten Texte angezeigt wird. Dadurch wird es den einzelnen Autoren unmöglich, Sinnzusammenhänge zwischen ihren Texten herzustellen, die über die Zuordnung zu bestimmten Schlüsselwörtern hinausgeht. [301]

Ausschließliches Ziel des Projekts ist es mithin, durch eine prompte Vernetzung der Assoziationen die Strukturen eines kollektiven Gedächtnisses zu versinnbildlichen, wobei die Vernetzung selbst nicht sonderlich sinnvoll zu sein hat. Die Textproduktion ist keiner Reglementierung des Inhaltlichen und der Form unterworfen. Die Partizipation wird erfolgreich dadurch angeregt, dass der Beitrag sofort in das Projekt einbezogen wird. Bisher enthält der "Assoziationsblaster" mehr als 54.600 Texte zu über 4.800 Schlüsselwörtern. Die Initiatoren des Projekts registrieren bis zu 160 neue Beiträge täglich.

Eine tatsächliche Zusammenarbeit zwischen den Teilnehmern findet nicht statt, wenn der Zusammenhang zwischen den einzelnen Beiträgen ausschließlich auf technischem Wege vermittelt wird. [302]

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"Beim Bäcker"

Das wohl bekannteste Mitschreibeprojekt des Internets wurde 1996 von Claudia Klinger initiiert. "Beim Bäcker" [303] , lädt zu dem Erzählen kurzer Geschichten ein. Das Fortsetzen der Erzählungen anderer Teilnehmer, das Einflechten und Ausbauen verschiedener Erzählperspektiven verleit dem Gesamtwerk einen mehr oder minder linearen Handlungsverlauf. [304]

Der Anfang wurde durch eine Initialerzählung gemacht, deren Motive und Handlung von den Teilnehmern aufgegriffen wird. Hierauf bereicherte man den jeweiligen Zustand der Geschichte um neue Figuren oder griff Teilaspekte der bisherigen Handlung auf, um diese neu zu interpretieren.

Die konkurrierenden Versuche einzelner Autoren, dem Erzählen die von ihnen gewünschte Richtung zu geben, verliehen der Geschichte eine spezifische Vielschichtigkeit. So wird die Eindeutigkeit der älteren Erzählabschnitte durch die nachfolgenden Teile der Geschichte aufgehoben.

Der von Carola Heine vorgegeben Anfang der Erzählung gibt die Gedanken einer jungen Dame wieder, die an einem heißen Sommernachmittag Kuchen einkauft. Angesichts des muskulösen Bäckers entwickelt sie erotische Phantasien.

Dieser Beginn der Geschichte wird durch den Text eines anderen Teilnehmers weitergesponnen, der die Situation aus der Sicht eines lüsternen Straßenbauarbeiters vor der Bäckerei schildert. Der darauffolgende Erzählabschnitt führt eine dritte Figur ein, die genauso beschrieben wird, wie bereits die erste junge Frau aus der Perspektive des Bauarbeiters. So ist nun nicht mehr klar, auf welche der beiden Figuren sich die Begehrlichkeiten des Bauarbeiters beziehen. Die Frau aus dem Anfangstext verlässt schließlich die Bäckerei und bezeichnet den Bauarbeiter als animalisch und ungebildet. Darauf reagiert der vierte Erzählteil, der erklärt, dass sie es mit einem verwitweten Akademiker zu tun hat, der wegen unglücklicher Umstände den Lebensunterhalt seiner Kinder als Bauarbeiter sichern muss.

In dieser Weise verschwindet die Eindeutigkeit der jeweils älteren Erzählabschnitte. Durch die Umdeutung des Vorangegangenen entstehen bisweilen kleine Überraschungseffekte.

Die einzelnen Beiträge stehen auch inhaltlich in einer Beziehung zueinander, wie sie sich bei den themenbezogenen Mitschreibeprojekten nicht herstellt, da diese sich meist ausschließlich nach einem bestimmten Motto ausrichten.

Mit der steigenden Zahl teilnehmender Autoren wächst jedoch in der Erzählung "Beim Bäcker" die Fülle inhaltlicher Widersprüchlichkeiten, die keine gewollte ästhetische Funktion haben. Die narrativen Perspektiven werden derart vielfältig, dass die Autoren immer häufiger ganz darauf verzichten, eine davon weiterzubearbeiten. Stattdessen schreiben die Teilnehmer eher eigenständige Prosa, die sich von dem Gesamtwerk isoliert. Das Konzept von "Beim Bäcker" erlaubt es den Teilnehmern nach wie vor, ihre Texte und damit ihre Schreibleistung voneinander abzugrenzen. Die Beiträge rekurrieren zwar noch auf vorangegangene Texte, deren Handlungsstränge spinnen sie aber nicht weiter. Gerade hierdurch vergrößert sich wiederum die Komplexität der Gesamtgeschichte. [305]

Der Versuch eines kollektiven Schreibens von Prosa führt hier also fatalerweise dazu, dass gerade wieder die individuelle Kreativität des einzelnen Autors in den Vordergrund rückt.

Projekte kollektiven Schreibens bedeuten jedenfalls bisher in keiner Weise eine Demontage einer Autorenschaft, die als Schöpfertum des einzelnen kreativen Subjekts verstanden werden will. Die Reaktion auf die kreativen Bedingungen innerhalb des Mitschreibeprojekts lässt das Interesse an individueller Schaffensakt zurückkehren und restauriert das in Frage gestellte Bild des Autors als einzelnen Genius. "Beim Bäcker" zeigt dies exemplarisch. [306]

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Thematisch gebundene Mitschreibeprojekte

Nicht selten sind Formen der Kooperation, bei denen einzelne eingesandte Texte durch die Initiatoren zu einem Gesamtwerk zusammengefügt werden. Dabei übernehmen die Initiatoren eine gewisse Kontrollfunktion, da sie die Beiträge auswählen und modifizieren können. [307]

Thematisch gebundene Projekte wie "23:40" und "TanGo", sind der ständigen Veränderung durch neue Beiträge unterworfen. Eine endgültige Form erhalten die Werke erst dadurch, dass die Initiatoren die Arbeit an dem Projekt für beendet erklären, was gewissermaßen der Einstellung des Projekts gleichkommt.

Bei diesen thematisch gebundenen Mitschreibeprojekten entsteht eine Zusammengehörigkeit der einzelnen Texte, was Heibach bezüglich der Teilnehmer auf eine "intersubjektive Gemeinschaftlichkeit im Sinne McLuhans und Flussers" schließen lässt. [308]

In den angelsächsischen Ländern bestehen zahlreiche Projekte, die ähnlich konzipiert sind wie "TanGo" und "23:40". "Heaven & Hell" [309] beispielsweise gibt die E-Mail-Korrespondenz zwischen dem Belgier Michael Samyn und Olia Lialina aus Russland wieder. Bei "noon quilt" [310] werden Impressionen, Eindrücke aus aller Welt während der festgelegten Ortszeit von 12 Uhr gesammelt. Diese Versuche, durch Kommunikation eigene Textwelten zu sammeln, sind laut Grether eine Form der Verständigung zwischen Kulturen durch das Medium Internet. [311]

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"TanGo" von Martina Kieninger

Martina Kieninger begann 1996 ihr internationales Projekt "TanGo" [312] . Hier soll ein Austausch zwischen Menschen aus Uruguay und Deutschland stattfinden. Die Teilnehmer sind bei der Erstellung ihrer Beiträge zu den Themen Tanz und Tango keiner weiteren Reglementierung unterworfen, so dass eine Collage höchst unterschiedlicher Texte entsteht. Ausschließlich die Intention einer Verständigung über nationale Grenzen hinweg stellt die autonomen Einzelbeiträge in einen gemeinsamen Zusammenhang. [313]

So beschäftigen sich viele Texte allzu explizit mit den klischeehaften Vorstellungen über andere Kulturen und laufen daher Gefahr, durch die Selbstzufriedenheit über die Kritik an tumben Vorurteilen eine wirkliche Verständigung zu vernachlässigen.

Damit die Klischees hinterfragt werden können, will das Konzept von "TanGo" vermeintliche kulturelle Unterschiede bewusst ansprechen, wodurch sich diese aber gerade wieder rekonstruieren. So wurde den Uruguayern die Themen "Schuhplattler, Marsch und Walzer" vorgegeben. Doch zumindest im Internet findet sich kein Publikum für einen pädagogischen Ansatz, der versucht, den Menschen der beiden Nationalstaaten den Spiegel wechselseitiger Vorurteile vorzuhalten. Hartnäckig widerlegen die Autoren die dem Konzept zugrundegelegte Hypothese, das Gros der Teilnehmer werde hier vornehmlich niederschreiben, was gemeinhin mit den Tänzen des anderen Landes assoziiert wird. Viel beliebter ist die satirische Beschäftigung mit dem Bild von der eigenen Nation, die Ironisierung des Klischeedenkens oder die Kombination deutscher und spanischer Sprachelemente.

Innerhalb eines Beitrags wird der Benutzer aufgefordert, die vorgegebenen Textzeilen deutscher Volksmusik neu zusammenzusetzen, wodurch sich mit etwas Geschick Texte erstellen lassen, die absurder sind als das Original. Andernorts findet man den Text eines Tangos in einer spanisch-deutschem Mischsprache. Hier wird das peinliche Selbstbewusstsein bloßgestellt, mit dem Deutsche sich an der Aneignung der Kulturtechnik Tango versuchen. Dazu tanzt ein Chromosom mit der genetischen Code T,A,N,G,O und veranschaulicht so die Weisheit einer Reihe von deutschen Schlagern: der Rhythmus des Tangos liegt dem Tänzer im Blut.

Vornehmlich an Uruguayer richtet sich wohl ein Blitzkurs für das Walzertanzen. Die Tanzfiguren werden hierbei als die Bewegungen auf einem Schachbrett vorgeführt, was wohl auf das Maß an Spontanität und Schnelligkeit anspielt, das dem Walzertanzen gewöhnlich zueigen ist.

Nur wenige Beiträge nehmen die Motive der anderen Texte in einer Weise auf, die einzelne Beiträge tatsächlich inhaltlich vernetzt. Das bedeutet für das Projekt eine Aufteilung in verschiedenste interessante Einzelprojekte, die in keinem Bezug zueinander stehen. Wenn sie nur eine der beiden Sprachen Deutsch oder Spanisch beherrschen, können Leser die Hälfte der angebotenen Texte nicht verstehen. Die Übersetzung von Beiträgen wurde bislang nicht initiiert. Die Sprachbarriere wird nicht überwunden, das Projekt eines kulturellen Austauschs durch kooperative Literaturproduktion stößt schon hier an Grenzen, die es aufzuheben vorgibt. [314]

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"23:40" von Guido Grigat

In seinem Projekt "23:40" [315] sammelt Guido Grigat seit 1997 die Niederschriften von Erinnerungen, die der Einsender an eine bestimmte Minute des Tagesablaufs hat. Die biographischen Texte sind täglich nur zu jeweils der Uhrzeit zugänglich, an die sich die in dem einzelnen Text beschriebene Erinnerung knüpft.

Hier entsteht also eine Collage aus individuellen Texten, die sich allein durch die Zuordnung zu einer bestimmten Uhrzeit strukturiert. In gewisser Weise stellt aber schon diese rein formale Vorgabe an die Einzeltexte einen Sinnzusammenhang zwischen den Texten und eine Deutungsmöglichkeit des Gesamtwerks her. Die Uhrzeit ist ein Orientierungsrahmen, der allen Lesern und Autoren in ähnlicher Weise zugänglich ist. Dadurch kann sie als Anlass zu einer Identifikation mit dem Kollektiv oder dem einzelnen Autor genommen werden, der an eine bestimmte Uhrzeit eine Erinnerung hat, die der Leser mit eigenen Erinnerungen vergleichen wird. Schnell nimmt der Rezipient eine innere Haltung, dem unbekannten Autor zu "gedenken". Schließlich werden bei diesem Projekt ja auch im wahrsten Sinne des Wortes "Gedenkminuten" eingelegt.

Die Allgemeingültigkeit eines Modus des Erinnerns verleiht "23:40" trotz der Verschiedenheit der Beiträge eine Art Homogenität. Inhaltlich sind sie zwar voneinander isoliert, doch einen Kontext erhalten die individuellen Erinnerungen trotzdem dadurch, dass ihr Abstand zueinander gleichsam nur jeweils um eine Minute ausmacht. Innerhalb des Projekts ist durchaus auch die Fortsetzung einer Geschichte denkbar. So findet man hier etwa eine chronistische Wiedergabe von 13 Telefongesprächen, die sich natürlich über mehrere Erinnerungsminuten erstreckt. [316] Viele Beiträge versuchen sich in einer Reflexion der literarischen Produktion des Projekts.

14:41: "Ich habe noch ein wenig an den Beiträgen gefeilt, jetzt ist hier alles voller ‚Buchstabenstaub'";
14:54: "Zu jener Zeit, als sich der Mensch der Versuchung hingab, die Tomate durch die Ratio in den Griff zu kriegen und sich ein bewundernswert scharfsinniges Luftschloss [sic!] errichtete, spaltete sich die Kunst des Schreibens von den andern Kuensten [sic!] ab."

Hier wird klar, dass einige Teilnehmer, kaum mehr das Bedürfnis hatten, eine tatsächliche Erinnerung aufzuschreiben. Sie sind eher von der "Geste" des Erinnerns eingenommen, die durch das Projekt kultiviert wird. Daraus wird deutlich, dass das Projekt nicht in erster Linie Lesestoff liefern will, sondern eher ein Interesse an einer kreativen Beteiligung als Autor weckt. [317]

"23:40" verändert sich ständig durch die neu hinzukommenden Texte. Seine endgültige Form erhält das Werk erst, wenn der Initiator das Projekt einstellt. Auch hieraus wird deutlich, dass sich das ästhetische Interesse hier nicht mehr in erster Linie auf das fertige Werk, sondern auf dessen Entstehen richten muss. Entscheidet sich Grigat nicht zu einer Veröffentlichung mehrerer Beiträge zu den einzelnen Minuten des Tages, so ist seine Erinnerungsuhr erst vollendet, wenn alle 1.440 Minuten mit dem Text über eine Erinnerung verbunden sind. Bis zum Dezember 2000 wurden 413 Beiträge erstellt. [318]

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"Generationenprojekt" von Jan Ulrich Hasecke

Jan Ulrich Haseckes "Generationenprojekt" [319] gibt im Untertitel vor, ein Hypertext zu sein. Die Verlinkung beschränkt sich jedoch auf die Verknüpfung der einzelnen Texte mit einem Inhaltsverzeichnis. Der Mausklick auf die hier aufgelisteten Jahreszahlen von 1950 bis 1999 liefert dem Leser die Titel der zugeordneten Texte. Die Texte selbst weisen keine Verknüpfungsstrukturen auf; von ihrem Anfang bis zu dem Ende sind sie linear zu lesen. Bisher beherzigte noch keiner der Autoren den Hinweis des Editorials, Hypertexte mit Verweisstrukturen seien als Beitrag sehr willkommen, das Projekt werde später nicht also Buch, sondern als CD-Rom veröffentlicht.

Das "Generationenprojekt" versteht sich als einen Versuch der "Geschichtsschreibung von unten". Hasecke möchte hier zeigen, "daß es neben der großen Geschichte in den Geschichtsbüchern auch die Geschichte der Menschen gibt: Der erste Kuß, Schulabschluß, neu in der großen Stadt, der Abschied - jeder von uns hat viele Erinnerungen, schöne und traurige, die es wert sind, festgehalten zu werden."

Trotzdem kommt Hasecke nicht umhin, den Autoren bestimmte Eckdaten zu nennen, an denen sich die Beiträge orientieren sollen: "Wie war das noch? Damals als die Mauer gebaut wurde, als der Minirock für Skandale sorgte, als die 68er auf die Straße gingen, als die RAF die Bundesrepublik terrorisierte, als Biermann ausgebürgert wurde, als Tschernobyl explodierte, als die Mauer fiel, als ... Schreiben Sie Ihre persönlichen Erinnerungen an wichtige Ereignisse der letzten 50 Jahre auf und schicken Sie sie ans Generationen-Projekt. Hier werden sie veröffentlicht."

Für jedes Jahr werden einige relevante Ereignisse aufgezählt oder beschrieben. Die Geschichtsschreibung von unten soll an die allgemein bekannten Eckdaten anknüpfen. So legt es die Konzeption des Projekts darauf an, die persönlichen Erinnerungen in ein Spannungsverhältnis mit den großen historischen Ereignissen zu bringen. Gerade der Kontrast des persönlichen Erinnerns zu dem Erinnern durch hergebrachte Geschichtsschreibung soll der persönlichen Geschichte zu mehr Geltung verhelfen. Die Zahl der Beiträge, die einem Jahr zugeordnet werden, ist nicht beschränkt. Doch bisher finden sich hier meist nur jeweils zwei bis vier Texte, für viele Jahre zwischen 1954 bis 1965 und 1978 bis 1985 sind noch keine Beiträge veröffentlicht.

Als Eckdatum für das Jahr 1953 nennt Hasecke den Tod Stalins, in einem kurzen Text referiert er über dessen Despotismus. Der Autor Christian Erich Rindt geht mit seinem Beitrag darauf nicht ein. Stattdessen schildert er seinen ersten Schultag, die Abneigung gegen lange Wollstrümpfe und schließlich den Schulabschluss. Während man um Stalin trauert oder auf mögliche Reformen hofft, konzentriert sich das Leiden des sechsjährigen Christian Rindts auf seine Wollstrümpfe. Die persönliche Erinnerungen kontrastiert historische Ereignissen, der Unterschied zwischen politischer und persönlicher Geschichte wird greifbar.

In dem zweiten Beitrag "Ballspiele. Eine Kindheit in Warschau" von Julian S. Bielicki kommt Stalin indirekt vor. Ein "Denkmal aus rotem Sandstein" ist das Zentrum regelmäßiger Ballspiele. Bielicki hält hier die kindliche Sichtweise auf den Niedergang des Stalinismus fest:

"Eines Tages ... war der Kopf weg, zugleich sah ich den Kopf dieses Herrn auf der Titelseite unserer Kinderzeitschrift, schwarz umrandet. ... Mit dem schnurrbärtigen Kopf verschwanden auch die Soldaten, die den Eingang zu unserer Siedlung bewachten."

Bielickis Text bezieht sich auf Haseckes Bericht über die Verfolgung jüdischer Ärzte kurz vor Stalins Tod. Bielickis Eltern seien selbst jüdische Ärzte gewesen, die entsprechend erleichtert waren, "daß dieser Herr verschwunden war, weil sie bis dahin zunehmend von der Sorge getrieben worden waren, daß dieser Herr sie beschuldigen könnte, ihn zu vergiften."

Für das Jahr 1968 verweist Hasecke auf die Studentenbewegung, den Prager Frühling und auf die Ermordung von Martin Luther King, Rudi Dutschke und Robert Kennedy. Christian Erich Rindts Erzähler hat 1968 Mutters Wollstrümpfe längst abgelegt. Der Lehrling Mick ist begeistert von einer proletarischen Revolution, beteiligt sich an Treffen des SDS und protestiert gegen den Krieg in Vietnam. Die klassenkritischen Reden der Freunde Micks verstummen jedoch, als eine Frau die Bereitschaft äußert, mit der Devise von der freien Liebe Ernst zu machen. Auch Christopher Rays behauptet in seinem Beitrag "Altes Spiel mit neuen Regeln", Frauen hätten das neue Selbstbewusstsein entwickelt, sexuelle Beziehungen anzubahnen.

Ein zweiter Text von Christian Erich Rindt erzählt von der politischen Kehrtwende, die sich innerhalb der Kieler SDAJ vollzog, nachdem 20 Anarchisten und Maoisten beigetreten waren. Die Stimmenmehrheit macht Protestnoten gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in die CSSR möglich. Schließlich scheitert jedoch die Reform der Organisation, da eine zu große Zahl der Rebellen lieber im Plattenladen "'ne neue Scheibe von 'ner Band namens AC/DC" anhört, als in den Versammlungen der SDAJ Mehrheitsentscheidungen durchzusetzen.

In ähnlicher Weise erweitert auch An O'Nymes' Text "Die Geschäftsreise. Der Sommer, in dem alles möglich war" die offizielle Geschichtsschreibung um persönliche Geschichten. Auf einer Geschäftsreise gemeinsam mit dem Vater gelingt dem Erzähler der Verkauf von Patentrechten. Der Vater wird hierdurch ein Vermögen verdienen. In der euphorischen Stimmung lassen sich Vater und Sohn in dem sommerlichen Stadtpark auf einen gemeinsamen Joint mit Hippies ein.

Bemerkenswert ist die Herkunft der meisten Autoren. Obwohl das Projekt lange nach der Wiedervereinigung Deutschland gestartet wurde, scheinen sich Autoren aus Ostdeutschland nicht zu beteiligen. Selbst der Beitrag "Jenaer Betrachtungen" zu dem Jahr 1990 stammt von einem Westdeutschen, der in Jena studiert und die dortigen Befindlichkeiten beschreibt. Es mag der Eindruck entstehen, hier sei eine gesamtgesellschaftliche Tendenz wirksam, Geschichte nur aus westlicher Sicht zu schreiben. Das Ereignis, mit dem Erinnerungen aus dem Jahr 1989 verbunden sein sollen, wird durch Haseckes kurzen Aufsatz "Der Fall der Mauer" benannt. Der Beitrag von Margret Metz erzählt davon aus der Perspektive der Leberkranken, die erst von der Maueröffnung erfährt als plötzlich ihre Freunde aus Ostdeutschland an das Krankenbett treten. Kurze Zeit später fällt die Erzählerin in das Koma, kann aber nach einigen Wochen im letzten Moment durch eine Lebertransplantation gerettet werden. Die Freude über den glücklichen Verlauf dieser persönlichen Krankheitsgeschichte fällt hier mit dem allgemeinen Freudentaumel der Wiedervereinigung Deutschlands zusammen. Am Ende ihrer Erzählung reflektiert die Autorin, wie schnell die Freude, an die sie erinnert, vergangen und vergessen war: "Und dann würde es nicht mehr sehr lange dauern, bis die Euphorie von 1989 der Ernüchterung der 90er Jahre weichen würde, und aus den glücklichen Menschen dieses Herbstes würden Besserwessis und dumme Ossis werden. Aber noch wußte ich nichts von all dem."

Aus all dem wird deutlich, wie politische Ereignisse zu einem Bezugspunkt persönlicher Erinnerungen werden, welche wiederum die Erinnerung an die historischen Ereignisse beleben kann. Die Verbrüderung mit dem plötzlich jugendlich-leichtsinnigen Vater wird zu einem Sinnbild für die Aufbruchstimmung des Sommers 1968. Eine neuen Langspielplatte lässt die Studentenproteste an den Konsumbedürfnissen der einstigen Idealisten scheitern und die Erinnerung an die Wiedervereinigung Deutschlands wird verbunden mit der Erinnerung an eine glücklich beendeten Krankheitsgeschichte. Das Konzept Haseckes scheint aufzugehen, die aufgeschriebenen Erinnerungen der Teilnehmer richten sich an den wichtigen zeitgeschichtlichen Eckdaten aus.

In den meisten Beiträgen wird in der ersten Person erzählt. So übt sich beispielsweise Margret Metz mit ihrem recht emotionalen Bericht über die Leberkrankheit in einem Gestus des Tagebuchs oder der Autobiographie. Andere Beiträge erzählen in der zweiten Person, um den inneren Monolog wiederzugeben, der sich angesichts der erinnerten Ereignisse entspann. Mitunter gibt dies aber auch den Vorgang des Erinnerns selbst wieder. Die Autoren erinnern sich schreibend. So gibt sich etwa der Text "Altes Spiel mit neuen Regeln" von Christopher Ray den Anschein, es handele sich um das Protokoll der Gedanken des Erzählers.

In der dritten Person wird nur erzählt, wenn es dem Autor nicht nur darum geht, in der Manier vieler Autobiographien seine kritische Distanz zu dem Geschehnis zu unterstreichen. Vielmehr wird hier die verbreitete Tendenz ironisiert, erst durch dieses Stilmittel dem Erinnerten indirekt eine Distanz gebietende Gewichtigkeit zu verleihen. Mitunter lässt das autobiographische Erzählen in der dritten Person das Erinnerte als objektiv und allgemeingültig erscheinen, obwohl es doch eigentlich nur der eigenen Perspektive entspricht. Hierauf zielt beispielsweise die Ironie von Fabian Kösters Geschichte "Die Nationalhymne im Radiowecker", in der er die Erlebnisse eines Protagonisten namens "Fabian" in dem Jahr 1990 wiedergibt.

In denjenigen Beiträgen, die in der dritten Person erzählen ohne dies zu ironisieren, wird der Anschein erweckt, es habe sich zunächst um eine Erzählung in der ersten Person gehandelt, die nachträglich geändert wurde. So schreibt Rindt in "Spinning Weels" zu 1969: "Mick versuchte zu lesen. Keine Chance, ich konnte sich nicht konzentrieren".

Das Sammeln individueller Erinnerungen wird bei diesem kollektiven Schreibprojekt in hohem Maße durch den Initiator kontrolliert. Hasecke gibt zwei Bedingungen an, die von den Beiträgen erfüllt werden müssen:

"Ihr Text sollte allerdings zwei Bedingungen erfüllen: 1. Im Text sollte auf ein Ereignis Bezug genommen werden, das von allgemeiner Bedeutung war oder ist. Ihr Text kann z.B. Ihre individuelle Sicht auf ein großes oder kleines historisches Ereignis vermitteln oder Ihre persönliche Verstrickung in die Geschehnisse schildern. Sie können aber auch ein ganz persönliches Erlebnis schildern, das für Sie so wichtig war, dass Sie sich um die große Geschichte, die zur gleichen Zeit geschrieben wurde, gar nicht gekümmert haben. 2. Der Text sollte eine gewisse literarische Qualität haben, so dass andere ihn gerne lesen."

Diese Teilnahmebedingung versetzt den Initiator in das Recht, nur die von ihm ausgewählten Texte in das Projekt aufzunehmen. Von welcher Art die geforderte "gewisse literarische Qualität" sein soll, bleibt natürlich unklar. Schließlich ist die literarische Qualität nicht objektiv messbar. [320] Gleichwohl dürften die meisten Autoren eine individuelle Vorstellung von literarischer Qualität haben, so dass Haseckes Formulierung die Teilnehmer zu einer Forcierung ihrer Anstrengungen animiert.

Die Verfügungsgewalt des Projektleiters über die Texte der Teilnehmer soll die Lesbarkeit des Projekts als Gesamtwerk sicherstellen. Unreglementierte Authentizität könnte eine solche Lesbarkeit des Projekts untergraben, da sie mitunter Banalitäten hervorbringen mag. Diese Problematik erinnert an Debatten über den Wert der Dokumentarliteratur. Zugleich wird hierdurch deutlich, dass die Repräsentanz der Projekte kollektiven Schreibens äußerst begrenzt bleiben muss. Wenn das Schreiben nicht einer direkten Zensur durch die Initiatoren des Mitschreibprojekts ausgeliefert ist, so bleibt es doch zumindest den Regeln unterworfen, die der Konzeption des thematisch gebundenen Projekts eigen sind. Fehlt auch diese Art der Reglementierung, so steht bald nicht mehr die Lesbarkeit eines fertigen Werks im Mittelpunkt des Interesses, sondern der Prozess des Schreibens an sich. Zusammen mit dem Interesse an dem Leser geht hierbei auch der Anspruch des Projekts verloren, den Lesern etwas zu repräsentieren. Diese Tendenz lässt sich bei dem Projekt "23.40", bei dem "Assoziations-Blaster" beobachten. Vor allem thematisch ungebundene Mitschreibeprojekte müssen als Spiel zwischen den schreibenden Teilnehmern verstanden werden, das nicht auf eine Rezeption ausgerichtet sein kann.

Das "Generationenprojekt" bedarf also der Reglementierung durch den Initiator, um seine Lesbarkeit als Gesamtwerk sicherzustellen. Bewusst nimmt Hasecke in Kauf, dass hierdurch ein Verlust an Authentizität und damit auch an Repräsentativem entsteht. [321]

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Schlussfolgerungen

Die aktive Beteiligung ist bei vielen Mitschreibeprojekten anfangs recht groß, geht dann aber rapide zurück. Schon zwei Jahre nachdem "Beim Bäcker" begonnen wurde, stellten die Autoren ihre Mitarbeit weitgehend ein; der letzte Beitrag zu stammt aus dem Ende des Jahres 1998. Bei "Baal lebt" wurde die letzte Version ebenfalls im Winter 1998 erstellt. Zu einer Mitarbeit reizt hier offenbar lediglich das Neue. Kernproblem der Projekte kooperativen Schreibens scheint es also zu sein, dass sie die Funktion des einzelnen, kreativen Autors hintergehen, aber trotzdem auf eben jenes schriftstellerische Engagement einzelner Teilnehmer angewiesen bleiben, das innerhalb des Autorenkollektivs abgewertet wird. [322]

Das gemeinsame Schreiben setzt bei gedruckten Medien ein regelmäßiges Treffen der Autoren voraus. Die ausschließliche Kommunikation über das Internet scheint zu unverbindlich sein, um das kreative Potential Einzelner bündeln zu können. [323] Als ein Indiz hierfür mag gelten, dass neue Projekte der Internetliteratur vor allem nach Kongressen der Autoren initiiert wurden: "Trotz der regen Kommunikation im Netz erwiesen sich schliesslich die physischen Treffen der Netzliteraturexponenten als wegweisend und impulsgebend." [324] Eine Form der Kooperation, die allein auf einer Kommunikation über das Internet beruht, scheint also noch nicht entwickelt worden zu sein. Das Internet verlangt offenbar nach einem neuen Verständnis von Zusammenarbeit, das sich anders als im Berufsalltag in dem Bereich des Künstlerischen noch nicht herausgeformt hat. [325]

Eine solche Art der gestalterischen Zusammenarbeit scheint sich innerhalb der Projekte virtueller Welten zu entwickeln. Bisher existiert aber nur ein derartiges Projekt, das wenigstens im Ansatz eine literarische Ausrichtung besitzt. Hier erprobt man eine Kooperation, bei der die Kommunikation zwischen den Teilnehmern so weit im Vordergrund steht, dass sie selbst das eigentlich künstlerische dieser Projekte darstellt. [326] Olivia Adlers "Café Nirvana" [327] wurde als linear erzählte Science-Fiction initiiert. Die engagierte Rückmeldung der Leser entwickelte hieraus einen inzwischen "begehbaren Roman". Für die Protagonisten der Erzählung richtete man persönliche Homepages ein. Raffinierte Sprachprogramme ermöglichten dem Leser eine Korrespondenz mit den Figuren per E-mail. Schnell entspann sich hier ein komplexes Geflecht der Kommunikation, bei dem sich die Trennung von Fiktionalität und Realität kaum mehr ausmachen lässt. "Café Nirvana" muss daher wohl als virtuelle Welt gelten. Bisher bleibt dieses Projekt ein vereinzeltes Phänomen, das nicht als exemplarisch für die deutschsprachige Internetliteratur gelten kann. Mehr Aufschluss über die relevanten Bedingungen und Folgen der spezifischen Kommunikation im Internet verspricht die Betrachtung eines Projekt, dass sich in der Visualisierung der Vernetzung versucht.

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Die Visualisierung der Vernetzung

An dem Thema der Datenvernetzung des Internets arbeiten sich naturgemäß die Entwickler alternativer Browser ab. Datenströme und Knotenpunkte sollen für den Nutzer sichtbar werden. Eine beliebte Art der Darstellung ist diejenige einer stilisierten topographischen Karte.

Bemühungen, die Vernetzung räumlich darzustellen und zu verstehen, halten also an einem bewährten Paradigma der Illustration fest. Hier deutet sich die Gefahr an, dass auch einer noch so jungen Darstellungsart schnell der Anspruch zukommen mag, das einzig richtige Verständnis von der Vernetzung zu repräsentieren. [328]

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"IO_lavoro immateriale"

Das Projekt "IO_lavoro immateriale" (1999) der Kölner Medienkünstlergruppe Knowbotic Research [329] versucht sich an einer Darstellungsart, die die Unzulänglichkeit der Präsentation auf Karten ausgleichen möchte.

"IO_lavoro immateriale" entsteht aus der Zusammenarbeit des Zentrums für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe mit Enzo Rullani, Iaia Vantaggiato, Hans Ulrich Reck, Timothy Druckery, Michael Hardt, Maurizio Lazzarato und Luther Blissett. "Luther Blissett" ist ein Pseudonym, das für jeden Internetnutzer nach Belieben verfügbar ist. Mit Büchern, imitierten Dokumentationen, Falschmeldungen, Subversion und Sabotage gehen Aktivisten unter diesem Decknamen gegen eine vermeintliche Monopolisierung des Zugangs zu Informationen vor. [330]

Die Mitarbeiter des Projekts "IO_lavoro immateriale" gehen von der Entstehung neuer Arbeitsformen der "Informationsgesellschaft" aus, die sozialkritisch zu untersuchen sei.

Immateriale Arbeit, mentale Leistung wird hier vor allem bezüglich ihrer Vernetzung als Prozess dargestellt. Die Arbeit wird als soziales Interagieren verstanden. Ihre Voraussetzung, die Kommunikation per Computertechnik, soll kritisch beleuchtet werden. Dabei macht man beispielsweise das Schreiben und die Rezeption der theoretischen Artikel des Projekts selbst wieder zum Gegenstand der Reflexion.

Ein geeignetes Computerprogramm lässt auf dem Bildschirm bewegte schwarze Striche und Flecken erscheinen. Diese veranschaulichen das Aufkommen von Datenströmen und damit die Geschäftigkeit an einzelnen Computern eines lokalen Netzwerks. Abhängig von dieser für das Netz relevanten Aktivität der Nutzer bewegen sich die schwarzen Flächen auf dem Bildschirm aufeinander zu, ändern ihre Geschwindigkeit, Größe oder Form und verwirbeln mit denjenigen Punkten, die eine Netzwerkaktivität der jeweiligen Kommunikationspartner symbolisieren. [331]

Der innerhalb des Projekts erstellte und benutzte "graphical client" veranschaulicht so das Aufkommen kommunikativer Zusammenarbeit zwischen den Teilnehmern. Bei der Vergrößerung der Anzeige bestimmter Bereiche symbolisieren kleine wogende Rechtecke die verschiedenen Nutzer und deren Bewegung im Netz. Durch das Bildschirmfenster, in dem dies angezeigt wird, wandern auch bestimmte Schlüsselwörter aus einer gemeinsamen Datenbank. [332] Ein Mausklick auf ein Schlüsselwort öffnet den damit verknüpften Text innerhalb eines herkömmlichen Browserfensters. Auf diese Weise kann der Benutzer lesend die Textdatenbank des Projekts durchwandern. [333] Ein stilisiertes Kraftfeld visualisiert die Leseaktivität, also das Aufrufen von verknüpften Texten, das Scrollen und Blättern innerhalb des jeweiligen Dokuments. Ebenso wird das Verändern, Ergänzen von Textstellen dargestellt. Doch offenbar reicht die Arbeit der Teilnehmer nicht aus, um die Texte der Datenbank, ihre Verknüpfung untereinander und die mit ihnen verbundenen Schlüsselwörter einer ständigen, tatsächlich kontinuierlichen Veränderung zu unterwerfen.

Eine Software organisiert, beziehungsweise desorganisiert die Anordnung der Texte mit Hilfe komplexer Algorithmen fortwährend neu. An die Schlüsselwörter sind spezifische Parameter gebunden, die bestimmen, in welcher Beziehung sie zu den anderen Schlüsselwörtern stehen, wann diese automatisch zu modifizieren sind und ob dabei ein Schlüsselwort durch ein anderes ersetzt wird.

Dass das System statisch bleibt, wird damit nicht durch eine kommunikative Zusammenarbeit zwischen Menschen, sondern durch Funktionen des Rechners verhindert. Problematisch erscheint hierbei, dass die automatische Organisation der Dokumente eine Darstellung der tatsächlichen Kooperation von Autoren oder Lesern entstellt, da sie durch willkürliche Parameter und unduldsame Computerprogramme vorgenommen wird. [334] Das Prozedere einer Kooperation von Lesern und Autoren kann man offenbar nur schwerlich zeitlich und räumlich schematisieren. Die Illustration von Kommunikation und kooperativer Arbeit an Computern bringt also naturgemäß nicht nur eine verkürzte Darstellung, sondern auch deren Verfälschung mit sich.

Das ambitionierte Projekt einer Darstellung der Abläufe in Computernetzwerken läuft damit also eher auf eine ausschließlich ästhetische als auf eine wirklichkeitsbezogene Umsetzung hinaus. Der Widerspruch zwischen beidem lässt sich durch "IO_lavoro immateriale" nicht mehr lösen. Schließlich hat das künstlerische Textprojekt selbst dieses Problem der konzeptionell widersprüchlichen Darstellungsform aufgeworfen.

Der jeweiligen Bewegungsform der Bildschirmgrafiken kann ein Betrachter keine spezifische Bedeutung beiordnen. Es wird nicht genau erklärt, wie die einzelnen technischen Vorgänge im Netz dessen Visualisierung determinieren.

Solange dem Betrachter die Komplexität des Projektes verborgen wird, offenbart sich ihm nur der rein visuelle, ästhetische Wert. Eine bestimmte Bedeutung kann der Rezipient aus der Anzeige jedoch nicht ablesen, die Interpretation des Gesehenen bleibt ihm unmöglich.

Das erklärte Ziel einer Verdeutlichung der Heterogenität von Strukturen eines kollektiven Gedächtnisses [335] wird auf diese Weise zumindest bisher nur insofern erreicht, als dass auch die unverstandene Darstellung Heterogenität an sich verdeutlicht. Möglicherweise zeigt jedoch die zukünftige Entwicklung des Projekts andere Tendenzen. [336]

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Schlussfolgerungen

Offenbar verlangen gerade die nicht greifbaren elektronischen Prozesse nach einer Präsentation, die sie begreifbar macht. Durch Allegorisches und Metaphorisches macht Literatur und bildende Kunst traditionellerweise das Unfassbare, das Abstrakte und das Metaphysische mehr oder weniger konkret fassbar, begreiflich oder fühlbar.

Diese Aufgabe scheint nun bezüglich der nicht greifbaren digitalen Prozesse von der Kunst selbst an genau jene digitale Technologien delegiert zu werden, deren Prozesse die Kunst doch erst begreiflich machen will. Die Darstellung der Computervernetzung und des Datentransfers der hierfür relevanten Computerprogramme versucht man auf technischem Wege mit Hilfe von Computerprogrammen herzustellen.

Gegenstand des Medieninhalts ist hier das Medium selbst.

Dies kommt einer Selbstreflexion gleich, die ein so mutiges Projekt ist, dass ihr partielles Scheitern selbstverständlich ist. Das Darstellen und Begreifen der Eigenschaften eines Mediums mag sich im Spiegel eines anderen künstlerischen Mediums einfacher gestalten. Trotzdem scheint es der Internetliteratur inhärent zu sein, die Gegebenheit des eigenen Mediums zumindest partiell zu ihrem Gegenstand zu machen. [337]


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