matthias franke
NAVIGATION [INDEX]   |   im Verlauf zurück   im Verlauf weiter

Reportage - Die Weihnachtselegie

Die Kapuze tief über die Stirn ziehen und los! Michael stapft zielstrebig auf den dunkelblauen BMW zu. Seine sehnigen Hände fingern am Druckknopf herum. Er zieht und zerrt. Die Heckklappe bleibt geschlossen.

Im Vorgarten hinter der Limousine glitzern elektrische Kerzen auf einem Tannenbaum. Es ist Heiligabend in Marburg. Betont langsam zündet Reiner sich eine Zigarette an. Er schaut Michael zu, grinst hämisch: "Ich seh´ schon, ein echter Profi!"

Also muß ich jetzt ran. Zwei Häuser weiter weiß ein gähnender Vater in Jogginghose Bescheid: die Adresse stimmt. "Nur das falsche Auto erwischt." Michael nickt mir dankend zu. Nichts ist peinlicher, als mit rotem Mantel, Leinensack und Weidenrute vor der falschen Tür zu stehen. Die beiden bordeauxroten Geschenkpakete finden wir im Kofferraum des Kleinwagens vor der Garage. Die Fenster des Einfamilienhauses sind mit bunten Lichterketten geschmückt.

In den Schaufenstern winken pausbackige Weihnachtsengel. Reiner steuert den Mercedes durch die leere Einkaufsstraße. Michaels Auftritt als Weihnachtsmann dürfen wir nicht beobachten. "Geschenkewahn und Drohen mit der Rute ... Das ist ohnehin nur Geschäftemacherei und Betrug."

Für zwölf Mark pro Stunde fährt Reiner einen der elf Taxis der Firma Varlik. So finanziert der 26jährige sein Jurastudium. Im Wagen mischt sich Zigarettenrauch mit dem Geruch des Pflegemittels für die dunklen Lederpolster. Auf dem polierten Furnierholz über dem Chrom der Armaturen spiegelt sich das Neonlicht der vorüberziehenden Straßenlaternen. Die Ampeln sind abgeschaltet: nur noch gelbes Blinken in gleichmütig langsamen Takt.

"Als Taxifahrer wirst Du am Heiligabend zum Gesprächstherapeut." Reiner erzählt von einsamen Rentnern, die Schokonikolause verschenken; von Ehemännern, die mit dem Taxi von Familienfeiern flüchten; von Jugendlichen, die ihre Wut über geschlossene Kneipen am Fahrer auslassen. Es ist 22 Uhr, nichts davon passiert. Reiner steckt sich die nächste Marlboro an. Er schielt auf den kleinen runden Lautsprecher der Funkanlage. Kein Auftrag der Zentrale, kein Plausch mit den Kollegen. "Was soll man sich auch erzählen?" Außer Michael braucht heute keiner ein Taxi.

Michaels Auftritt am Heiligabend vermittelte das Arbeitsamt erst vor zwei Tagen. Da hatte er sein Auto schon seiner Freundin geliehen, die zu Weihnachten ihre Eltern besucht. Michael suchte eine billige Mitfahrgelegenheit und Reiner wollte mich zum Recherchieren ohnehin kostenlos mitnehmen. "Der Taxameter bleibt aus!" Also durfte ich auch Michael ins Taxi einladen. Ich überlege, ob das eine gute Idee war.

Auf der Fahrt hatte ich auf Michaels Bitte das Autoradio eingeschaltet. "... dreaming of a white Christmas ..." Reiner zog die hellen Augenbrauen herunter. Den Blick starr auf die Straße gerichtet. Seine fleischige Hand war zum Radio gezuckt, hämmerte auf die Schalter ein. Die Lautsprecher kreischten kurz auf. Dann Stille. Ich schwieg betreten. Jetzt bloß nichts falsches sagen! "Die Musik gehört doch dazu." Michael plapperte gutgelaunt: "Ohne Weihnachtsstimmung hätte ich keine Aufträge. Alle feiern; ich nicht. Also verdiene ich daran." Reiner drehte sich zu Michael um. Seine 120 Kilogramm ließen den Sitz knirschen. "Weihnachten? Nicht mitfeiern, nicht mitverdienen, nicht mitmachen! Darum fahr´ ich heute Taxi."

Michael schwieg. Die Gummizüge des langen weißen Bartes schob er hinter seine Ohren und die Kapuze über die Geheimratsecken. Michael zuckte mit den schmalen Schultern, warf die Autotüre zu und begann unsere Suche nach Geschenken im Kofferraum.

Vor jedem Auftritt vereinbart Michael telefonisch, wo die Geschenke hinterlegt werden. Dann nur noch warten, bis die verschreckten Kinder wieder im Flur auftauchen! Das goldene Buch aufschlagen! Die Kinderaugen sind entsetzt aufgerissen; jedes Fehlverhalten steht hier aufgelistet. Den Tadel der Kinder trägt Michael anhand des Notizzettels der Eltern vor. Danach gemeinsam singen! Geschenke verteilen! Die Pakete tragen Namensschilder. Papa macht Fotos: die Zwillinge auf dem Schoß vom Weihnachtsmann. "Schön brav bleiben, auf Wiedersehen im nächsten Jahr!" Die Gage von 90 Mark wird überwiesen.

Nach 40 Minuten ist Michaels Arbeit beendet. Er wartet schon auf uns. Trotz der Kälte hält er seinen Mantel unter den Arm geklemmt. "Ich kann das Ding jetzt auch nicht mehr sehen!" Diesmal gab es kein zusätzliches Trinkgeld und die beiden sechsjährigen Mädchen hatten sich mehr gefürchtet als gefreut. Heute hat Michael zum letzten mal Weihnachtsmann gespielt. Im Sommer möchte er sein Jurastudium beenden.

Wir fahren über Land. Keine Lichterketten, keine Straßenlaternen, nur noch die Reflexe des Scheinwerferlichtes auf der Leitplanke. Zwischen den kahlen Buchen stehen Nebelschwaden. Die Funkanlage rauscht leise, sonst Stille. Reiner schneidet die Kurven. Der Zeiger des Tachometers zittert unter den Leuchtziffern 140. Michael wohnt auf dem Dorf, in Goßfelden. Von den Fachwerkscheunen grüßen verwitterte Reklameschilder für Limonade und Magenbitter.

Michael bedankt sich fürs Zurückbringen. Er wird den Rest des Abends alleine verbringen. "Vielleicht noch ein Bier und dann ins Bett."

Reiner gähnt ohne Hand vor dem Mund. Er bohrt die letzte Zigarette in den Ascher. "Schluß für heute! Jetzt passiert sowieso nichts mehr." Die Reifen quietschen ein wenig, als wir in den Hof des Taxiunternehmens einbiegen. In der Baracke flimmert ein Fernseher. Reiner zerrt unwirsch die Fußmatten heraus. An der Mauer ausklopfen! Mit einem routinierten Griff ist der Aschenbecher in den Gully entleert. Er schließt den Wagen ab, wird noch schnell den Schlüssel abgeben. "Vielleicht noch ein paar Zigaretten und dann ins Bett!" Ein wenig eilig verabschiedet er sich: "Ich hoffe, das hat dir heut´ was gebracht."

Auf dem feuchten Asphalt schimmern bunte Benzinschlieren. Von der Hausfassade mit den geschlossenen Jalousien hallen meine Schritte wider. Ich friere. Es ist Heiligabend in Marburg. Ich bin auf dem Weg nach Hause. "Vielleicht noch ein wenig Fernsehen ..."