matthias franke
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Interview - Jemand hört zu

Inkognito: Irgendwo in Hanau lauscht Else W. den Sorgen ihrer Mitmenschen.

"...Powerfrau auf katholisch?" Else W. lacht: "ich bin gläubig, aber nicht ganz so grundkatholisch, wie man sich das gern vorstellt." Welche Beweggründe die 53-jährige zum Dienst an das Telefon treiben, kann oder will sie also nicht sagen: "Ich tue das halt einfach!" Der aschgraue Bürostuhl ist noch vom Kollegen vorgewärmt. Schichtwechsel, Else W. setzt sich.

Viele Probleme

Immer noch schmunzelnd zückt sie ihre Brille und beginnt, die Protokolle zu lesen, die auf dem ordentlichen, kleinen Schreibtisch auf sie warten: `Eine junge Frau fragt nach einer Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige. - Ein Elfjähriger erklärt mit verstellter Stimme, seine Freundin sei schwanger und er wisse jetzt einfach nicht weiter. - Die Dame aus dem Altersheim erzählt wieder einmal von ihrem verstorbenen Mann. - Eine Frau wurde von ihrem Partner verprügelt. ...` Auf Else W.s hoher Stirn zeigen sich Falten. Sie wird nachdenklich: "Partnerschaftsprobleme, das sind die meisten Anrufe... Oft ist es am schlimmsten, wenn die beiden abhängig von einander sind, aber nicht geheiratet haben... Bei der Ehe kann man wenigstens noch die rechtliche Seite klären."

Hätte ich helfen können?

Alle 80 Mitarbeiter der ökumenischen Telefonseelsorge in Hanau hinterlassen Gesprächsprotokolle über die Telefonate. "Damit diejenigen, die mit ihrem Problem mehrmals anrufen, nicht alles von vorn erzählen müssen, nur weil ich nicht Bescheid weiß." Trotzdem kennt Else W. nur selten den Hintergrund der Problemgeschichten. Sie bricht ihre Lektüre ab und inspiziert die sparsame Zimmerbegrünung. "Die Leute melden sich irgendwann einfach nicht mehr. Was passiert ist, erfahren wir nicht. Ich mache mir da schon Sorgen:

Vor etwa einem Jahr diktierte mir eine junge Frau die Telefonnummer ihres Mannes: ´Sagen Sie ihm, er soll sich keine Sorgen machen, ich bin nur verreist!` Sie legte den Hörer sofort auf, kurz darauf rief ich den Mann an. Zwei Tage später fand man die Leiche meiner Anruferin; sie hatte sich erhängt! ... Und ich erfuhr das alles nur durch Zufall... Noch heute denke ich oft, daß ich vielleicht doch hätte helfen können."

Einfach auflegen

Solche Dinge, mit denen man "...alleine nicht so recht klarkommt" diskutiert Else W. monatlich in einer Supervisionsgruppe von acht Kollegen. Else W.s Augen fixieren das Poster ´Schiff, das sich Gemeinde nennt`.

Die Gespräche der Gruppe können nicht für alles Abhilfe schaffen: "Was unangenehm ist, sind die Sexanrufer. Manche sind so geschickt, daß man nicht gleich merkt, was sie eigentlich wollen... Man muß einfach auflegen und damit hat sich`s." Doch die Wut bleibt. Ihre Blicke weichen in Richtung des verwaisten, zweiten Bürostuhls aus. Sie entdeckt sie den Riß in dem braunen Stoffbezug und beginnt daran herumzufingern. Else W. wechselt das Thema:

Die psychologische Schulung einmal wöchentlich wurde anteilig von den christlichen Kirchen finanziert. In den Lehrplan gehörten biblische Seelsorge, christliches Menschenbild, Gesprächstaktik und allgemeine Verhaltensregeln. 1989, nach einjähriger Lehrzeit kam Else W. erstmals in das Büro.

Der zweite Zuhörer

Als Neuling sitzt man vorerst neben einem "alten Hasen" und hört dessen Telefonaten zu. Dabei wird der Anrufer nicht über seinen zweiten Zuhörer informiert. Else W. bricht ihre Versuche ab, den Bürostuhl auszubessern. Sie stockt beim Erzählen, sucht ihren Kuli und steckt ihn aber gleich wieder zurück in die große blaue Handtasche. Endlich überspielt sie ihre Verlegenheit mit einem Augenzwinkern: "Es ist besser, wenn der Anrufer nichts vom zweiten Zuhörer weiß!" Später trägt sich "der Neue" in den Dienstplan neben der Tür ein, um schließlich erstmals alleine vor dem Telefon zu sitzen: "Die Zeit kann man frei wählen, man sollte aber zwölf Stunden im Monat da sein. Das ist alles unentgeltlich." Damit Zuhause kein Telefonterror einsetzt, wählen die Seelsorger ein Pseudonym. "So bleibt man am Telefon anonym." Else W. schaut zur Uhr, zieht die Augenbrauen hoch. Ihr Pseudonym, mit dem sie am Telefon angesprochen wird, möchte sie nicht verraten.

Nachtdienst

Schnell steht sie auf, um Tee zu kochen, "Joghurt und Salzgebäck ist immer da, eigentlich bringe ich abends nur die eigene Bettwäsche für die Couch mit." Es gibt Nachtdienste, die völlig ruhig sind, während anderen kann sie sich dagegen fast gar nicht hinlegen. Ab und zu sind dann "Scherzkekse" am Telefon. "Die fragen irgendwas und wir merken sofort, daß es ein Witz sein soll. Ärgerlich: da war man gerade ein wenig eingeschlafen und der sagt bloß: 'Sind Sie müde?'." Else W. nippt an ihrem Tee und stellt sich an das kleine Fenster. Draußen wird es dunkel. Die Tageszeit ist also für die Häufigkeit von Anrufen irrelevant, da spielt die Jahreszeit schon eher eine Rolle: "Ab Oktober gibt es Winterdepressionen... ,da gibt`s mehr Anrufe als jetzt." Im Jahresschnitt rufen jedenfalls etwa 8000 Menschen an. Ungeduldig schaut Else W. zum Telefon, dann wieder zur Küchenuhr über dem Bücherregal. "Oft kommt im November noch Trauer hinzu. Das ist ja auch der Monat, in dem besonders der Toten gedacht wird... Aber so religiös sind die meisten nicht... Wenn doch, ist das schön, darauf kann ich gut eingehen."

Extremsituation

Else W.s Blicke wandern nochmals zur Uhr, sie lehnt sich zurück, verschränkt die Arme. Einem ihrer "Daueran-rufer" hat sie verraten, daß sie heute wieder im Dienst ist. Sie wartet und macht sich Sorgen: "...Ich darf nicht erzwingen, daß ein Alkoholiker einen Entzug anfängt." Der Anrufer muß selbst aktiv werden; Else W. darf nicht eigenmächtig einen dritten hinzuziehen. Nur einmal benutzte Else W. das grüne Zweittelefon auf der Fensterbank und informierte die Polizei: Eine Frau erzählte, daß sie eine ganze Schachtel Schlaftabletten genommen habe. Tatsächlich wurde die Stimme langsam schwächer, aber ihre Adresse wollte die Anruferin nicht verraten. Doch durch die Fangschaltung der Kripo, die ständig einsatzbereit ist, konnte die Anruferin gefunden und gerettet werden.

"Selbst aktiv werden!"

Die Lage muß jedoch wirklich schon sehr bedrohlich erscheinen, bevor Else W. Polizei oder Unfallhilfe benachrichtigt. Else W. steckt ihr graues Haar nach oben, schaut schon wieder auf die Uhr, schüttelt tadelnd den Kopf. Sie geht zur Couch und ordnet die roten Kissen für die Nacht. "Selbst wenn ein betrunkener Ehemann ausrastet. Die Polizei können wir da nicht so ohne weiteres rufen... Es ist schon passiert, daß wieder Friede, Freude, Eierkuchen war, als die Streife kam. Die Kosten für den Einsatz muß dann unsere Dienststelle zah...!" Else W. zuckt zusammen, endlich das Schrillen des Telefons. Sie hat genug erzählt: "Und auf keinen Fall meinen richtigen Namen schreiben!" Mit zwei routinierten Schritten ist sie am Schreibtisch, um allein mit ihrem Anrufer und dessen Sorgen zu sein.

Eine Powerfrau auf katholisch...?