matthias franke
NAVIGATION [INDEX]   |   im Verlauf zurück   im Verlauf weiter

Reportage - Jemand hört zu

Inkognito: Else W. lauscht den Sorgen ihrer Mitmenschen

"...Powerfrau auf katholisch?" Else W. lacht: "ich bin gläubig, aber nicht ganz so grundkatholisch, wie man sich das gern vorstellt." Else W. setzt sich und lächelt verlegen; der Bürostuhl ist vom Kollegen vorgewärmt. Welche Beweggründe die 53-jährige Hausfrau zum Dienst an das Telefon treiben, kann oder will sie also nicht sagen: "Ich tue das halt einfach!" Immer noch schmunzelnd zückt Else W. ihre Brille und beginnt, die Protokolle zu lesen, die auf dem ordentlichen, kleinen Schreibtisch auf sie warten: `Ein Obdachloser hat seinen Termin beim Sozialamt verpasst. - Ein Elfjähriger erklärt mit verstellter Stimme, seine Freundin sei schwanger und er wisse jetzt einfach nicht weiter. - Die Tochter einer Medikamentensüchtigen bittet um Hilfe, bricht das Gespräch aber unvermittelt ab. - Ein Psychater, der gerade Urlaub macht, hat seinen Patienten für den Notfall die Nummer der Telefonseelsorge gegeben. - Eine Mutter verzweifelt an den schlechten Schulleistungen ihres pupertierenden Sohns - Ein Australier braucht Hilfe, um seine Frau in Perth anzurufen. - Ein Sozialarbeiter hat Leuten, die keine Wohnung finden, empfohlen, sich an die Telefonseelsorge zu wenden. - Eine junge Frau fragt nach einer Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige. - Ein Lehrling möchte gegen den Willen der Eltern seine Ausbildung abbrechen. - Die Dame aus dem Altersheim erzählt wieder einmal von ihrem verstorbenen Mann. - Eine Frau wurde von ihrem Partner verprügelt, wagt aber nicht, sich zu trennen. - Ein Vater beklagt sich, seine Frau sei abends nie zu Hause. ... Auf Else W.s hoher Stirne zeigen sich Falten. Sie wird nachdenklich: "Partnerschaftsprobleme, das sind die meisten Anrufe... Am schwiergsten ist es, wenn schon große Abhängigkeit vom anderen besteht."

Alle 61 Mitarbeiter der Telefonseelsorge, darunter Juristen, Psychologen, Theologen usw., die ab und zu ihr Fachwissen zur Verfügung stellen, hinterlassen Gesprächsprotokolle über die geführten Telefonate. "Damit diejenigen, die mit ihrem Problem mehrmals anrufen, nicht alles von vorn erzählen müssen, nur weil ich nicht bescheid weiß." Trotzdem kennt Else W. fast nie den Ausgang dieser größeren Problemgeschichten. Sie bricht die Lektüre ab und inspiziert lieber die sparsame Zimmerbegrünung. "Die Leute melden sich irgendwann einfach nicht mehr. Ob alles wieder O.K. ist, erfahren wir nicht. Man macht sich da schon Gedanken, deswegen vereinbaren wir monatlich eine Supervision... Vor etwa einem Jahr diktierte mit zum Beispiel eine junge Frau die Telefonnummer ihres Mannes: `Sagen Sie ihm, er soll sich keine Sorgen machen, ich bin nur verreist!` Sie hängte sofort wieder auf, kurz darauf rief ich den Mann an. Zwei Tage später fand man die Leiche meiner Anruferin; sie hatte sich erhängt! ... Und ich erfuhr das alles nur durch Zufall... Solche Dinge, mit denen man alleine nicht so recht klarkommt" diskutiert Else W. in einer Supervisionsgruppe von acht Kollegen: Beim letzten Mal ging es hier um den Anruf eines Mannes mittleren Alters: "Er hatte den unumstößlichen Entschluß gefaßt, einen früheren Geschäftspartner, der ihn ruiniert hatte, umzubringen. Mein junger Kollege konnte ihm diese Idee jedenfalls nicht ausreden." Der verzweifelte Seelsorger glaubte, alles falsch gemacht zu haben, bis ihn die Gruppe endlich beruhigen konnte. "Wir alle lesen jetzt Zeitungsberichte über Morde und hoffen, daß nichts passiert... Vielleicht war der Anruf ja nur ein schlechter Scherz eines guten Schauspielers..., sowas kommt auch vor!"

Else W.s Augen fixieren das Poster " Schiff, das sich Gemeinde nennt", bemerken die alte Bildzeitung im Mülleimer. Die Gespräche der Gruppe können nicht für alles Abhilfe schaffen: "Was unangenehm ist, sind die Sexanrufer. Manche sind so geschickt, daß man nicht gleich merkt, was sie eigentlich wollen... Man muß einfach auflegen und damit hat sich`s." Doch die Wut bleibt. Ihre Blicke weichen in Richtung des verwaisten, zweiten Bürostuhls aus, Else W. wechselt das Thema:

Die psychologische Schulung einmal wöchentlich wurde anteilig von den christlichen Kirchen finanziert. In den Lehrplan gehörten: Biblische Seelsorge, christliches Menschenbild, Gesprächstaktik, Wertschätzung des Gesprächspartners, Zuhören können und Verhaltensregeln. 1989, nach einjähriger Ausbildung kam Else W. erstmals in das Büro. Als Neuling sitzt man vorerst neben einem "alten Hasen" und hört dessen Telefonaten zu. Dabei wird der Anrufer nicht über seinen zweiten Zuhörer informiert. Else W. überspielt ihre Verlegenheit mit einem Augenzwinkern: "Es ist besser, wenn der das nicht weiß!" Später wählt "der Neue" ein Pseudonym und trägt sich in den Dienstplan neben der Tür ein, um schließlich erstmals alleine vor dem olivgrünen Telefon zu sitzen: "Die Zeit kann man frei wählen, man muß aber mindestens 12 Stunden im Monat da sein. Das ist alles unentgeltlich." Ihr Pseudonym, mit dem sie am Telefon angesprochen wird, möchte Else W. nicht verraten. Die Anonymität des Seelsorgers müsse in jedem Fall gewahrt bleiben, "Sonst fängt schlimmstenfalls zuhause ein Telefonterror an." Auch die Adresse der Dienststelle soll geheim bleiben.

Schnell steht sie auf, um Kaffee zu kochen, "Joghurt und Salzgebäck ist immer da, eigentlich bringe ich abends nur die eigene Bettwäsche für die Couch mit." Es gibt Nachtdienste, die völlig ruhig sind, während anderen kann sie sich dagegen fast garnicht hinlegen. Generell kann man lediglich feststellen, daß die Probleme der nächtlichen Anrufer oft größer sind. Ab und zu sind aber auch bloß "Scherzkekse" am Telefon. "Die fragen irgendwas und wir merken sofort, daß es ein Witz sein soll. Ärgerlich: da war man gerade am einschlafen und der sagt bloß: 'Sind Sie müde?'." Else W. nippt an ihrem Kaffee und stellt sich ans Fenster. Draußen wird es dunkel. Die Tageszeit ist also für die Häufigkeit von Anrufen irrelevant, da spielt die Jahreszeit schon eher eine Rolle: "Ab Oktober gibt es Winterdepressionen..." Im Jahresschnitt rufen jedenfalls etwa 8000 Menschen an, also klingelt täglich 17 bis 25 mal das Telefon. Ungeduldig schaut Else W. zum Telefon, dann zur Uhr über dem Bücherregal. "Bei einigen kommt im November noch Trauer hinzu. Das ist ja auch der Monat, in dem besonders der Toten gedacht wird: Buß- und Bettag, Totensonntag usw. ... Aber so religiös sind die meisten nicht... Wenn doch, ist das schön, darauf kann ich dann gut eingehen." Else W. beginnt nervös an einer Kekspackung zu fingern. "Weihnachten ist meist sehr ruhig." Viele einsame Menschen werden ohnehin von Verwandten eingeladen, andere nehmen Angebote sozialer Institutionen war, gemeinsam Weihnachten zu verbringen. "Wenn jemand Angst vor einem einsamen Weihnachtsfest hat, geben wir ihm die entsprechenden Telefonnummern weiter." Der Anrufer muß dabei natürlich selbst aktiv werden, von sich aus zieht der Seelsorger keinen dritten hinzu. Else W. schaut wieder zur Uhr. Einem ihrer "Daueranrufer" hatte sie verraten, daß sie heute wieder da sein würde. Sie wartet. "...Ich darf nicht erzwingen, daß ein Alkoholiker einen Entzug anfängt." Sogar wenn offensichtlich eine Extremsituation vorliegt, kann lediglich versucht werden, durchs Telefon zu beruhigen. Nur einmal informierte Else W. mit dem Zweittelefon die Polizei: Eine Frau hatte erzählt, daß sie eine ganze Schachtel Schlaftabletten genommen habe. Tatsächlich war die Stimme langsam schwächer geworden, aber ihre Adressse wollte sie immer noch nicht verraten. Durch die Fangschaltung der Kripo, die ständig einsatzbereit ist, konnte die Anruferin gefunden und gerettet werden. Die Lage muß jedoch wirklich schon mehr als bedrohlich erscheinen, bevor Else W. Polizei oder Unfallhilfe benachrichtigt. Sie steckt ihr graues Haar nach oben, danach steht sie auf und schaltet den Fernseher ein: Nachrichten. "Selbst wenn ein betrunkener Ehemann auszurasten scheint. Wir können nichts unternehmen, bevor wir nicht sicher wissen, ob wirklich polizeiliche Hilfe nötig ist... Es ist nämlich schon passiert, daß wieder Friede, Freude, Eierkuchen war, als die Streife kam. Die Kosten für den Einsatz muß dann Unsere Dienststelle zah...!" Else W. zuckt zusammen, endlich das Schrillen des Telefons. Sie hat genug erzählt: "Und auf keinen Fall meinen richtigen Namen schreiben!" Mit zwei routinierten Schritten ist sie am Schreibtisch, um allein mit ihrem Anrufer und dessen Sorgen zu sein.

Eine Powerfrau auf katholisch...?