matthias franke
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Reportage - Mitternachtskunden - die Tankstelle als Supermarkt

Dusans Blick huscht über den Tresen: "Wodka weiß, zwei Bier. Macht ganze neunz´ge!" Seine linke Hand greift den Schein, die rechte fingert blitzschnell das Wechselgeld aus der offenen Kasse. Die grauen Augenbrauen sind nach unten geschoben, um den Mundwinkel rechts ziehen sich Falten zusammen. Der 1,70 Meter große Mann reckt den Kopf, schaut nach draußen. Dusan ist Tankwart. Über drei Spuren der Wiener Ringstraße rauscht der Autoverkehr vorbei. Auf dem nahen Schwedenplatz Gegröle und Schlagermusik. "Alle Wege führen zum Fest!" Neben der gelb-grünen BP-Fahne wirbt der Slogan der Wiener Festspielwochen. Doch Oper und Burgtheater liegen auf der anderen Seite der Innenstadt; hier reihen sich Diskotheken und Eissalons an Bier- und Weinlokale, "Würstelbuden" an rot beleuchtete Bars. Auf den Scheiben der Glasfront klebt der gelbe Blütenstaub von Wiens Kastanien; der Blick aus dem Tankshop nach draußen ist getrübt. Vor der mittleren Zapfsäule stehen zwei junge Männer im Sakko. Eine blonde BMW-Fahrerin redet auf sie ein. Verständnisvolles Nicken ihr gegenüber, Kopfschütteln in Richtung von Dusans Helfer, der für den Service zuständig ist - Scheibenwischen und Tanken. Der zuckt mit den Schultern, ruft etwas zurück, legt Eimer und Putzlappen wieder neben dem Toilettenhaus ab. Die Hände der Blonden deuten auf den Wagen, die Zapfsäule, stemmen sich kurz in die Hüfte, zeigen wieder auf den dunklen BMW. Mit kleinen, schnellen Schritten steuert sie auf den Tankshop zu, die beiden im Sakko folgen. Es ist Samstag, 1.30 Uhr. Neben der Kasse zeigt ein kleiner Monitor das Bild der einzigen Überwachungskamera: sieben Kunden drängen sich auf den zwölf Quadratmetern Verkaufsfläche. Kaum einer älter als 23 Jahre, alle kaufen sie Alkohol. Der ist hier billiger als in den Diskotheken: für ein Bier 20 Schilling, das sind 2,88 Mark. Dusans Augen fixieren die fünf Jugendlichen vor der Eingangstür. Sofort ist er bei ihnen: "Bitt´ schön, hier racht ma´ nicht!" Die Jungs maulen, treten aber die Zigaretten aus und ziehen gemeinsam mit ihren Bierdosen weiter. Dusan steht wieder hinter dem Tresen, grinst zufrieden: "Der nächste!?" Die Tür des Tankshops ist offen. In der stehenden Luft mischt sich der starke Geruch von Eau de toilette und Rasierwasser mit dem Duft von Motorenöl. Dusan hat die Ärmel des weißen Hemds hochgekrempelt, die Schweißflecken unter den Achseln sind größer geworden. Seine schwarze Krawatte perfekt gebunden, das dichte graue Haar über den Geheimratsecken sauber zurückgekämmt. Auf dem linken Unterarm trägt der 37jährige die Tätowierung eines Banners - ohne Schriftzug. Die Haut ist auffallend blaß. "Ich lass´ den Wagen stehn. Der ist neu; wer weiß was passiert ... Bei dem Preisunterschied zahl´ Ich Ihnen eh nichts!" Die BMW-Fahrerin zupft das nadelgestreifte Kostüm zurecht, ihre Stimme bebt. Ein Griff ins Haar ordnet den Pagenschnitt. "Aber, junge Dame, schimpfen S´ doch nicht!" Dusan lächelt charmant, neigt den Kopf, beschwichtigt: "Super Plus, das macht dem Auto nichts!" Er schaut die beiden im Sakko an, zieht fragend die Augenbrauen hoch, macht eine einladende Handbewegung. Schweigen. Die beiden drehen sich zu den Zeitschriften um, blättern im "Wiener".

Seit 19 Jahren arbeitet Dusan als Tankwart. Am liebsten sind ihm die Nachtdienste. "Nachts ist das Leben die Tankstelle!" Zuhause ist der Junggeselle nur, um zu schlafen. Seine Schicht beginnt um 19.00 Uhr, dauert zwölf Stunden; Dusan arbeitet sechs Tage in der Woche. Das flackernde Neonlicht des zwei Meter langen Kühlregals beleuchtet Wodkaflaschen und Sekt "Fürst Metternich", Dosenbier und Heurigen (österr.: junger Wein im ersten Jahr) in der Zwei-Liter-Flasche. Die BMW-Fahrerin macht einen Schritt zurück, dreht sich zu den Zeitschriften um. Die beiden im Sakko sind verschwunden. "Ich sag´ Super und der tankt Super Plus. Das geht nicht! Was machen wir jetzt mit dem Preisunterschied?" Dusan gibt den Jungs mit dem Kräuterschnaps das Rückgeld heraus. "Tut mir sehr leid, das müssen S´ mit dem Chef klären. Der arbeitet morgen am Tag." Dusan deutet auf das Kartenlesegerät: "Mit Bankomat?" Die Schultern der Blonden sinken erleichtert nach unten, kurz zuckt ein Lächeln über ihr Gesicht. "Geht´s auch ohne Bargeld? Das ist gut." Dusans Blick huscht über das Display hinter der Theke: "Bitt´ schön, macht ganze 550!" Es ist 2.10 Uhr. Über die Ringstraße rauscht Wiens Autoverkehr. Auf dem nahen Schwedenplatz Gegröle und Musik.