matthias franke
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Mensafahrt

Großraumfahrstuhl, Bewegungsbad, automatische Türöffner und die Feuerrutsche im Treppenhaus. Das Marburger Konrad Biesalski-Haus erleichtert Behinderten den Einstieg ins Studium. Wie funktioniert das alltägliche Zusammenspiel von Zivildienstleistenden mit Behinderten?

Spiegel einstellen, Gang einlegen, vorglühen lassen. Alexander lässt sanft die Kupplung los und beugt sich nach vorn, seine blonden Haarstoppeln berühren fast die Frontscheibe. Beide Hände umklammern das Lenkrad, ziehen mit aller Kraft. Eine erste Umdrehung, hektisches Nachfassen und Weiterdrehen. Dann ist es geschafft: der alte Mercedes 207D ist ausgeparkt.

Neonlicht spiegelt sich auf dem feuchten Betonboden der Tiefgarage des Marburger KBHs (Konrad-Biesalski-Haus). Alexander stellt den Motor ab, der Diesel hört auf zu husten. Stille - nur noch das leise Rauschen der Heizungsanlage mit ihrem offenen Rohrsystem an der niedrigen Decke. Alexander Knoll stammt aus Marburg, seit acht Monaten arbeitet er im KBH des Studentenwerks. Zusammen mit sechs anderen Zivis leistet er Pflege- und Fahrdienst für die zwölf behinderten Studenten, die hier zusammen mit Nicht-Behinderten wohnen.

Plötzlich ein metallisches Klacken. Mechanisch öffnet sich die eiserne Feuerschutztür, wird von der überforderten Hydraulik aufgehalten. Alexander springt aus dem Transporter. Mit zwei routinierten Griffen löst er die Justierung der Hebebühne. Dann das leise Surren des Elektro-Rollstuhls - Steffi kommt. Gleich hinter ihr fällt die schwere Feuertür krachend ins Schloß - perfektes timing. Alexander schwenkt die Hebebühne aus dem Bus heraus. Noch ein Knopfdruck und sie fährt nach unten, Steffi Ingiulla rollt an ihren Platz - es kann losgehen.

Während ihre Mutter mit Steffi schwanger war, verhedderte sich Steffi in der Nabelschnur; sie bekam zu wenig Sauerstoff, ihre Knochen wuchsen schief und einige Muskeln entwickelten sich nicht. "Arthrogryposis multiplex kongenita" diagnostizierten die Ärzte; für Steffi bedeutet das, nur wenige Meter am Stück laufen zu können, mit den Händen nicht ganz so geschickt und kräftig zugreifen zu können, vor allem aber wöchentliches Training mit dem Krankengymnasten des KBH.

Langsam fährt das Tor der Tiefgarage nach oben, Alexander gibt vorsichtig Gas, noch ein Blick auf die Betonpfeiler im Rückspiegel und der orange Transporter rollt die Sybelstraße hinunter. Neben dem Schalthebel blinken die Dioden der Funkanlage. "Alex, bitte kommen!" Der Kollege im anderen Bus fragt an, ob er von seiner "Einkaufsfahrt" direkt in die Mensa kommen kann oder noch jemanden im KBH abholen soll.

Eine Zivildienststelle in der ISB (Individuelle Schwerstbehindertenbetreuung) bedeutet elf Monate lang jede Woche 38,5 Stunden harte Arbeit: aus dem Bett helfen, Schlafanzug ausziehen, stützen auf dem Weg zum Duschrollstuhl, Zähne putzen, waschen unter der Dusche, abtrocknen, anziehen - Zimmer aufräumen, Tippen am Computer, Einkaufen fahren, Begleitung in die Bibliothek, Essen kochen - stützen beim Weg auf die Toilette, Hose herunterziehen, stützen beim Hinsetzen, warten, abwischen... Frühdienst ist von 7 bis 15 Uhr, Spätdienst von 16 Uhr 30 bis 0 Uhr 30.

Seit Oktober 1996 studiert Steffi Soziologie auf Magister, Psychologie und Medienwissenschaft als Nebenfächer. Als sie in ihrer Heimatstadt Limburg das Abitur an einem katholischen Mädchengymnasium machte, wollte sie noch Fremdsprachensekretärin werden. Doch an der Schreibmaschine sind ihre Finger nicht schnell genug und so entschied sie sich für das Studium. Steffi hat sich so gemütlich wie möglich eingerichtet. Über dem Computer das Akte X-Poster, der CD-Player und die Metallica-Scheiben; neben der Schiebetür zur behindertengerechten Toilette mit Dusche hängt ein Kinderfoto mit ihrem Vater aus Italien.

Vormittags zur Uni, dann lernen und Referate vorbereiten; die Mittagspause in der Mensa gehört für Steffi zum normalen Tagesablauf; hier trifft sie ihre Bekannten. Selten verabredet sie sich im Café News oder im "Leda", die Gemeinschaftsküche bleibt die bessere Kneipe. Steffis Mitbewohner teilen ihre Leidenschaft für Star Trek. Pünktlich um 15 Uhr sind die Stühle vor dem Fernseher in der Küche besetzt, später wird gemeinsam gekocht, gegessen, getrunken und geraucht.

In der Mensa entscheidet sich Steffi heute für die "Schinkennudeln mit Salatbeilage". Die Zivis werden bei der Essensausgabe bevorzugt bedient, Alexander klemmt sich ein Tablett unter den Arm und zieht los: Schlüssel aufladen, Essen holen, ein Glas Cola zapfen, an der Kasse mit dem richtigen "U-Key" bezahlen - "welcher Schlüssel war jetzt der von Steffi?", eine Kiste Wasser für das Pflegerzimmer besorgen - "Woher bekomm` ich jetzt passendes Kleingeld?", Hauspost für das KBH bei der Verwaltung abholen, die Kiste Wasser zum Bus tragen... und selber essen. In der Personalkantine hinter der Mensa-Großküche gibt es unbegrenzt kostenlosen Nachschlag; bei monatlich 800 Mark Sold, Kleider- und Verpflegungsgeld muss man das ausnutzen. Alexander hat für alles genau 45 Minuten Zeit, um 14 Uhr stehen die nächsten Fahrten an.

Steffi legt Messer und Gabel zurück auf das Tablett, der ölige Salat bleibt heute liegen. Die rechte Hand greift vorn an der Armlehne an den kleinen Steuerknüppel, zieht ihn leicht zurück; der Rollstuhl bewegt sich rückwärts, wendet auf der Stelle. Handfeste Diskriminierung hat Steffi noch nicht erlebt, doch die unterschwellige ist alltäglich. Dumme Fragen, scheele Blicke - in Behörden, im Laden oder an der Kinokasse wird meist nur ihr Begleiter angesprochen, nicht die Rollstuhlfahrerin selbst. "Am besten ist es, immer gleich klar zu sagen, was dich stört, was du brauchst. Die meisten Fußgänger sind sich nämlich nur unsicher, wie sie mit mir umgehen sollen!"

Der Elektromotor des Rollstuhls beginnt zu surren, Steffi steuert im Zickzack durch die engen Stuhlreihen, haarscharf vorbei an den Tischkanten. Die Fußstützen des Rollstuhls sind nach vorn geklappt, so dass ihre Füße ein wenig höher liegen und die Beine ausgestreckt sind. Zwischen dem abgewetzten Chromgestänge sitzt der Anschluß für das Akkuladegerät hinter einer beigen Kunststoffverschalung aus den frühen 80ern. Der Schwerpunkt des Rollstuhls liegt zu weit hinten, die Vorderräder sind zu klein, die Bremsen zu schwach für starke Steigungen. Eine Fahrt über das Kopfsteinpflaster der Marburger Oberstadt ist unmöglich.

Steffi fährt seitlich vor den Fahrstuhl, setzt leicht zurück - ihr Arm reicht jetzt bis zum Druckknopf. Wieder nach vorn, wenden, der Fahrstuhl ist da. Einen normalen Rollstuhl könnte man notfalls tragen, für den schweren Elektro-Rollstuhl sind Treppen unüberwindlich. Alexander ist noch nicht am Bus, Zeit für eine Verdauungszigarette auf dem Parkplatz. Steffis Daumen krümmen sich in Richtung der Handfläche. Um die Zigarette anzuzünden, braucht sie beide Hände. Mit der einen Hand hält Steffi das Feuerzeug, mit der anderen bedient sie es.

Wenn Steffis Eingaben und Bitten an den Fachbereich diesmal erfolgreich sind, kann sie im nächsten Semester ihre Zwischenprüfung ablegen. Ein obligatorisches Seminar der Soziologie fand bisher immer in einem Raum statt, der nur über Treppen zugänglich ist - für Steffi unerreichbar.

Die Zigarette ist aufgeraucht, Alexander schließt den Transporter auf. Die Hebebühne fährt nach unten, rastet ein. Auf dem feuchten Untergrund drehen die abgefahrenen Reifen des "E-Rollis" durch. Alexander schiebt an, bis Steffi auf der Beladefläche ist. Mit gequältem Quietschen fährt die Hebebühne nach oben. Alexander stemmt seine 1 Meter 85 gegen den Schwenkarm, die Hebebühne dreht sich in den Bus hinein. Alexander macht die Haltegurte am Boden des Busses fest. Einer an das Hinterrad, ein anderer um die Fußstütze des Rollstuhls. Festziehen, prüfen - es kann losgehen.

"Die Berufsberater vom Arbeitsamt wußten nichts von Ausbildungsmöglichkeiten für Behinderte, aber zum Glück kannte mein Arzt das KBH!" Neben einem ähnlichen Wohnheim in Regensburg ist das KBH Deutschlands einzige Einrichtung, die Schwerstkörperbehinderten den Einstieg in ein Studium ermöglicht. Behinderte enden schlimmstenfalls lebenslang in einem Pflegeheim, wenn sie den Verband, der ihre Pflegekosten trägt, nicht überzeugen, den monatlich mindestens 5000 Mark teuren Wohnplatz im KBH zu finanzieren. Ihr Studium und ihr eigenes Zimmer im KBH soll für Steffi der erste Schritt zu einem selbständigeren Leben ohne die Pflege bei den Eltern sein. Vor allem spätere Berufstätigkeit ermöglicht es, einen eigenen Haushalt zu führen und von einem ambulanten Pflegedienst betreut zu werden.