matthias franke
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Nur ein Leberriß

Über den Alltag in der Notaufnahme der Klink der Universität Marburg

Ein leichter Nieselregen fällt auf den frisch gemähten Rasen vor dem großen Betongebäude. Die Schiebetür des roten Rettungshubschraubers öffnet sich, zwei Männer springen heraus, ziehen eine Trage aus dem Hubschrauber. Das Gestell mit den Rädern der Trage klappt automatisch aus, ein junger Pfleger läuft herbei und übernimmt die Infusionsflasche. Eine weiße Decke, darüber Gurte; von der Person auf der Trage ist nur ein blonder Lockenschopf ist zu entdecken.

"Die meiste Arbeit machen wir; ein Hubschrauber kommt nur selten, oft sind das Verkehrsunfälle!" Der füllige Mittvierziger befingert seine Jacke in oranger Signalfarbe und zieht eine Zigarette hervor. "Ich bin jetzt schon 10 Jahre Rettungssanitäter! Man braucht diese Ausbildung: Es ist nicht mehr so, daß man mit Blaulicht zum Verunfallten fährt, erste Hilfe leistet und dann ins Krankenhaus düst. Heute behandeln wir am Unfallort schon soweit, daß man meist eigentlich ganz gemütlich zur Notaufnahme fahren könnte."

Die Männer aus dem Hubschrauber schieben die Trage schnell, aber nicht hektisch zur Notaufnahme. Die Tür wird aufgehalten "Da entlang, direkt in den OP!"

Auf der Station haben ständig drei Schwestern und zwei Ärzte Bereitschaftsdienst. Wegen der erhöhten Belastung, sind auf dieser Station dei Arbeitszeiten kürzer, gezahlt wird jedoch das normale Gehalt. Von den Krankenstationen der Notaufnahme sieht der Besucher lediglich lange Gänge mit den verschiedenen Behandlungsräumen und Zimmern für medizinische Apparate. "Beatmung, DFV, Röntgen, OP, Reanimation usw. Verwirrende Namen in verwirrender Anordnung! Eine Leuchtstoffröhre flackert nervös; die Wände sind blendend weiß, überall stehen Instrumententischchen und Tragen.

Die Männer aus dem Hubschrauber kommen aus dem OP, haben die Hände in die Hosentaschen gesteckt und schlendern mit entspannten Mienen in Richtung Ausgang. Dann ist es wieder ruhig. Die Rotoren des Hubschraubers am Landeplatz inmitten der Wiese drehen sich inzwischen langsamer und die interessierten Zuschauer auf den betongrauen Balkons der Universitätsklinik Marburg verschwinden in ihren Krankenzimmern.

Durch die Flure der Klink hatte es "Dr. Leibert bitte zur Notaufnahme, Dr. Leibert bitte...!" gedröhnt. Routiniert schob eine Krankenschwester den vorbereiteten Instrumententisch durch die blaue Schwingtür. "OP - Zutritt für Unbefugte verboten!" Und dann war auch schon der Lärm des in Kassel stationierten Rettungshubschraubers des Deutschen Roten Kreuz (DRK) zu hören.

Vom Landeplatz führt ein 40 m langer Weg bis zur Notaufnahme. Hinter einer Glasfassade wird hier der eventuell ankommende Rettungswagen "empfangen". Zwei große Schwingtüren trennen diesen Bereich mit den beiden Büros und dem Bereitschaftsräumen von den Krankenstationen.

Der füllige Sanitäter hat sich seine Zigarette endlich angesteckt, geht vorbei an der großen Garage des Rettungswagens, zurück zu dem kleinen Bereitschaftsraum des DRK. In der Uni-Klinik ist in der Notaufnahme auch der Rettungsdienst stationiert. Auf dem Tisch stehen zwei randvolle Aschenbecher, im Fernseher läuft Olympia und die Kaffeemaschine blubbert vor sich hin. Hier sitzt die restliche Mannschaft des Rettungswagens: Der Rettungsassistent - ein Zivildienstleistender (Zivi) - nippt immer wieder an seiner Tasse und die zierliche, junge Notärztin hat sich in einen Roman vertieft.

Die Notaufnahme der Uni-Klink gliedert sich einfach in eine internistische und eine chirurgische Station. In den 30 % der Notfälle, die nicht in dieses Schema hineinpassen, wird ohnehin die jeweils zuständige Fachklinik angesteuert: "Neurologie, Frauenklinik, Kinderklinik, Augenklinik, Zahnklinik und der Ausnüchterungsraum"

Der Sanitäter lächelt: "Ich merke schon, daß die Arbeit Stress für mich bedeutet: Zuhause rauche ich kaum, hier tue ich das in jeder freien Minute!" In Marburg gibt es keinen psychosozialen Dienst für die Mitarbeiter der Notaufnahme; Probleme, die nach Extremsituationen oder Fehlern aufkommen, werden im Kollegenkreis besprochen. Der Zivi nickt, die Last der Verantwortung sei erdrückend, "...aber das Klima unter den Kollegen ist so gut, daß man durchhält." Die Ärztin schaut zur Uhr auf. Die DRK-Station am Klinikum hat jährlich bis zu 1600 Einsätze. Verteilt im ganzen Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt 17 solche Stationen, um den Unfallort tatsächlich innerhalb der in Hessen vorgeschriebenen 10 Minuten zu erreichen. Koordiniert werden die Einsätze von der Zentrale innerhalb der Stadt.

Der Zivi spült seine Kaffeetasse im Waschbecken aus. Schichtwechsel! Endlich taucht die Ablösung auf. Der Notarzt stellt seine Tasche auf den Tisch. "Nein, heute war nichts los; der Hubschrauber hat ne'n Leberriß gebracht. Der Mann hatte mächtig viel Blut verloren... offene Wunde am Bein... Da soll irgendwas mit einem Mähdrescher passiert sein!" Inzwischen ist auch ein neuer Zivi und ein weiterer Rettungssanitäter eingetroffen. Der Arzt runzelt die Stirn: "Während der Erntezeit haben wir meist mehr zu tun als sonst!" Mit einem kurzen Kopfnicken verabschiedet sich die Ärztin, die Zivis beginnen ein Kartenspiel. Der fülligen Sanitäter dreht sich in der Tür nochmals um: "Schönen Nachtdienst wünsch` ich euch!"