matthias franke
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Butterfly - Eine Stunde im Stadtallendorfer Fitness-Center

Nicht langsamer! Bloß nicht langsamer werden! Björns hellblaue Augen suchen nach den ersten Anzeichen des Zusammenbruchs. Ich konzentriere mich auf meinen Versuch zu lächeln. Doch als meine Gedanken für den Bruchteil einer Sekunde den Armen nicht mehr gut zureden, fängt der Bizeps an zu zittern. Die vier Eisenscheiben von jeweils zehn Kilogramm machen auf halben Wege halt. Langsam aber unaufhaltsam gleiten sie jetzt wieder zurück nach unten. Ich höre auf zu atmen, starre auf die Gewichte. Die Arme fühlen sich an, wie ein schlaffer Gummizug der gleich reißen wird.

Björn trainiert inzwischen schon seit einem Jahr. Pro Woche kommt er drei mal für jeweils zwei Stunden. "Ich geh` meistens mit Freunden zum Training. Es is` nich` so langweilig, wenn man sich nebenbei unterhalten kann." Außerdem motivieren sich die vier Freunde auf diese Weise gegenseitig und kommen regelmäßiger zum Training. "Bei uns sind die 40 DM Monatsbeitrag kein rausgeschmissenes Geld. Ich hab` inzwischen knapp acht Kilo zugenommen." Björn ist stolz auf diese Leistung. Schließlich trainiert der 19jährige Abiturient nicht in erster Linie den Muskelaufbau, sondern die Kraft und Kondition. "Wenn dabei die Muskelmasse so stark zunimmt, kann man wirklich zufrieden sein." Björns blasse Haut hat sich noch nicht einmal zart rot getönt. Seine Stirn ist pudertrocken; keine Anzeichen von Anstrengung.

Nochmals feure ich die zuckenden Muskeln an. Endlich krampft sich der Bizeps wieder zusammen. Brust und Bauch werden bretthart und pressen die letzte Luft aus der schmerzenden Lunge. Ich unterdrücke ein gequältes Stöhnen. Die Gewichte halten auf ihrer Talfahrt inne. "Na komm schon! Einmal schaffst du noch!" Erst jetzt merke ich, daß der kleine, massige Trainingsleiter und drei seiner Jungs um mich herumstehen. Die Adern an meiner Schläfe wollen platzen, ich spüre wie sich die Schweißporen noch weiter öffnen. Viel zu langsam und wacklig bewegen sich meine angewinkelten Unterarme wieder aufeinander zu. Als die Ellenbogen aneinanderstoßen, ist es geschafft. Ich habe die vierzig Kilo nach oben gehievt.

Auf dem grauen Teppichboden des Raums stehen etwa 30 chromblitzende Trainingsgeräte: das Laufband, die Beinpresse zum Training von Bauch- und Oberschenkelmuskel, verschiedene Handelbänke, Fahrräder, das Butterfly und Liegen zum "Bankdrücken" langer Handeln mit großem Gewicht. Oft wird mit freien Handeln ohne Handelbank geübt. Rechts vom Eingang schließt sich die Bar an: Stühle mit rotem Kunststoffbezug, Tischplatten aus Mamorimitat.

Warum mach ich das eigentlich? Diese Sinnfrage ist tödlich für jedes Training. Unwillkürlich öffnen sich meine Hände. Vierzig Kilogramm Eisen rasseln am Seilzug auf die verchromte Bodenplatte. Die beiden Griffe zischen links und rechts an meinen Augen vorbei. Oberhalb meines Kopfes kracht Metall auf Metall. Das Trainingsgerät mit dem harmlosen Namen "Butterfly" steht jetzt wieder friedlich zwischen den Handelbänken. Es ist still, Björn steht von seinem Sitz gegenüber auf und reicht mir grinsend ein Handtuch. "Am Anfang war`s bei mir auch so!" Joseph hat das Interesse an dem "Neuen" verloren, streichelt zufrieden über seinen schwarzen Schnurrbart und schlendert in Richtung Bar.

Joseph stellt als Trainingsleiter und Chef des "SPORT & FITNESS-CENTER NIEMCZYK" je nach Kundenwunsch ein Trainingsprogramm zusammen. Björn ist Tennisspieler, er betreibt das Krafttraining als Ausgleichsport, um auch sonst rundum "fit" zu sein. "Ich will nich` `rumlaufen wie nen` Schrank und nach `ner viertel Stunde Joggen außer Puste sein." Der Trainingsplan von Björn und seinen Schulkameraden sieht daher die Arbeit mit etwas kleineren Gewichten vor. "Wir stemmen zum Beispiel nur 30 Kilo auf der Beinpresse, dafür aber inzwischen so um die 130 mal hintereinander!" Diejenigen, die eher ein größeres Volumen als ausdauernde Kraft antrainieren, drücken gleich 100 Kilogramm mit den Beinen in die Höhe, müssen das aber nur vier bis sechsmal tun. Für diesen bloßen Muskelaufbau ist auch die entsprechende Ernährung entscheidend: Der Körper benötigt viel Eiweiß und Kalorien, sollte aber nicht zuviel Fett aufnehmen. Nicht selten muß Joseph neben dem Trainingsprogramm auch gleich einen Ernährungsplan aufstellen. "Viele trinken Unmengen von fettarmer Milch, aber man darf halt auch das nich` übertreiben!"

Beim Aufstehen wird mir schwindelig. Björn beginnt mit seinen drei Freunden zu tuscheln. Sein rundes Gesicht zeigt ein breites Grinsen. Seitenblicke fliegen zu mir rüber. Bis der Schwindel weicht, versuche ich eines der großen Fenster in der leichten Dachschräge zu fixieren. Meine Finger können das weiße Handtuch in der zittrigen Hand nicht fühlen. Den Angebern werde ich`s zeigen. Wenn nicht heute, dann ein anderes mal... In den Oberarmen pocht ein hämmernder Schmerz. Ich wische über die schweißnasse Sitzfläche und versuche die Bewegungen nicht zu schlaff wirken zu lassen. Björn hat seinen Butterfly gegenüber schon fertig gemacht. In meinem Augen brennen Schweißtropfen, Puls und Atemfrequenz haben sich immer noch nicht vollends beruhigt.

Es ist erst halb vier nachmittags. Außer Joseph und Björn mit seinen drei Freunden sind bisher nur zwei Mitglieder da. Beide Jungs haben sich gerade vor einem der fünf großen Spiegel zwischen den Geräten postiert, betrachten ihre Oberkörper im Unterhemd und scheinen sich mit dem bisherigen Trainingserfolgen zufrieden zu geben. "Gegen Abend kommen meist mehr Leute. Täglich bis zu 50, die durchschnittlich je eine Stunde bleiben. Wir haben knapp 300 Mitglieder, die meisten sind jünger als 35 Jahre." Joseph läßt sich von der blonden Schülerin, die hinter dem Tresen jobt, ein Wasser bringen. "Leider trainieren hier nur sehr wenige Frauen. Die machen eher Aerobic!" Ohne sein Glas Wasser eines Blickes zu würdigen steht Joseph jetzt wieder auf und tapst zum Balkon, um zu rauchen.

Der Raum wird ständig in moderater Lautstärke mit Popmusik beschallt, nichts erinnert hier an Schweiß und Qualen. Ich habe inzwischen eine Handvoll kaltes Leitungswasser in mein Gesicht gekippt und das T-Shirt gewechselt. Björn hat für mich einen Bananenmilchchake bestellt: "Komm her, das hast du dir verdient!" Am Tresen gibt es selbstgemixte Proteindrinks und die handelsüblichen isotonischen Getränke. So sitze ich jetzt neben den vier Freunden. "Für den Anfang war das eben wirklich nicht schlecht. Du hast gut mit mir mitgehalten!" Die Bewegungen sind noch zittrig, doch mein selbstbewußter Ehrgeiz kehrt wieder zurück: "Du wolltest mir doch noch ein paar andere Geräte zeigen! Laßt uns doch mal zu der Beinpresse gehen!"...